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Siehe, es kommt die Zeit – Predigt zum 1. Advent, 28.11.21

Siehe, es kommt die Zeit, dass die Corona-Pandemie ihren Schrecken verloren haben und im Griff sein wird. Gegen jede neue Variante gibt es einen noch besseren Impfstoff. Und auch die Letzten werden den Expertinnen und Experten Vertrauen schenken und merken, dass diese wohl regieren. Ihre Augen werden geöffnet werden für das zahllose Leid. Für das Leid der überarbeiteten und ausgebrannten Menschen in medizinischen Berufen und im Pflegebereich. Für die Probleme von Kindern und Jugendlichen, die auf soziale Kontakte und das für sie so notwendige sozialisiert werden in Kindergarten und Schule verzichten müssen, weil sie nur so konsequent geschützt werden können. Für die Not der Kranken, die auf dringende und lebenswichtige Behandlungen warten müssen, weil kein Intensivbett mehr frei wird. Ihre Augen werden geöffnet werden für das zahllose Leid und sie sind endlich bereit, für Recht und Gerechtigkeit über ihren Schatten zu springen und auch zeitweise Einschränkungen der individuellen Freiheit und persönliche Nachteile hinzunehmen. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Siehe, es kommt die Zeit, dass wir Gewalt gegen Frauen ernstnehmen und als gesamtgesellschaftliches Problem angehen. Nicht erst nach dem 29. Femizid in einem Jahr, das noch gar nicht geendet hat. Sondern bereits vor dem ersten Mord an einer Frau. Wir werden als Gesellschaft alle Mittel ausreizen, um Morde an Mädchen und Frauen zu verhindern. Durch genug Geld für Hilfseinrichtungen wie Beratungsstellen und Frauenhäuser. Durch eine intensive Arbeit mit Männern, die Schwierigkeiten haben, Gefühle zu zeigen und mit Konflikten konstruktiv umzugehen. Und individuell: Indem wir Zivilcourage üben und nicht wegschauen, wenn Frauen lächerlich gemacht werden. Wenn sie Diskriminierung erfahren oder Opfer blöder Sprüche werden. Wenn aus der Nachbarwohnung immer wieder Geschrei zu hören ist, eine Frau auf der Straße von einem Unbekannten verfolgt wird oder die Arbeitskollegin auch an einem grauen Novembertag drinnen wie draußen ihre Sonnenbrille trägt. Wir sind es allen Frauen schuldig, denn sie haben das Recht darauf, in einem Land zu leben, in dem die Verantwortlichen wohl regieren. Wir sind es allen Frauen schuldig, denn auf Recht und Gerechtigkeit müssen sie sich verlassen können. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Siehe, es kommt die Zeit, dass Flüchtlinge nicht mehr wie leblose Figuren auf einem Schachbrett zwischen Ländern hin und her geschoben werden, um Druck auf andere Länder und Staatengemeinschaften zu machen. Menschen werden nicht mehr als Spielbälle missbraucht, um politische Macht und wirtschaftliche Interessen zu bedienen. Denn Menschen sind Menschen und keine Schachfiguren und keine Spielbälle, sondern Menschen aus Haut und Knochen, mit Sorgen und Ängsten, mit psychischen und physischen Schmerzen, mit Hunger und Durst, unterkühlt und überfordert. Die Not ist groß! Wer wird sie, die Vergessen im Niemandsland zwischen den Grenzen, die Verängstigten in den Schlauchbooten, die Verlorenen im heimischen Bürokratiedschungel wohl regieren? Wann machen auch sie die Erfahrung, dass die Mächtigen an ihnen Recht und Gerechtigkeit üben und nicht für Willkür und Schrecken stehen? Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Siehe, es kommt die Zeit, dass der Protest der jungen Menschen endlich Gehör findet, die uns so deutlich den Spiegel vorhalten. Unser Lebensstil ist ihr Kritikpunkt. Und so radikal die Forderungen erscheinen mögen, sind sie doch alternativlos: Ausstieg aus Öl, Kohle und Gas. Senkung der Treibhausgasemissionen. Stopp fossiler Großprojekte wie Flughafenausbau und Errichtung neuer Autobahnen. Beendigung des Artensterbens. Seit einigen Jahren gehen sie freitags auf die Straßen – und treten doch auf der Stelle. Weil jene, die uns wohl regieren sollen, Augen und Ohren verschließen vor der Dramatik des Klimawandels und den damit verbunden Folgen, die für uns alle katastrophal sind. Dabei ist es auch eine Frage von Recht und Gerechtigkeit, denn es sind die Armen Menschen hier und im globalen Süden, die als Erste mit Hitzewellen, Dürreperioden und Überflutungen zu kämpfen haben. Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«, sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.« Und sie sollen in ihrem Lande wohnen.

Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, dass ich dem David einen gerechten Spross erwecken will.
Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird.
Zu seiner Zeit soll Juda geholfen werden und Israel sicher wohnen.
Und dies wird sein Name sein, mit dem man ihn nennen wird:
»Der HERR ist unsere Gerechtigkeit«.
Darum siehe, es wird die Zeit kommen, spricht der HERR, dass man nicht mehr sagen wird: »So wahr der HERR lebt, der die Israeliten aus Ägyptenland geführt hat!«,
sondern: »So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel heraufgeführt und hergebracht hat aus dem Lande des Nordens und aus allen Landen, wohin er sie verstoßen hatte.«
Und sie sollen in ihrem Lande wohnen. (Jeremia 23,5-8)
Amen

Predigt zum 1. Advent 2021, 28.11.2021, Evangelische Messiaskapelle Wien

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Von Stefan Janits

Evangelischer Theologe und Journalist. Ich schreibe hauptsächlich für evangelische Medien in Österreich über die Themen Religion und Gesellschaft.

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