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Ein Blick sagt mehr… – Predigt für den Schulgottesdienst am 3. Juli 2020

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Yuval ist ganz begeistert.
Und aufgeregt.
Und nervös.
Und glücklich.
Und es ist ihm ganz schlecht – so richtig zum Speiben!
Aber vor Glück!
Kurz vorm Ausrasten.

Liara hat ihn endlich angeschaut.
Yuval traute sich kaum mehr zu hoffen.
Er war schon ganz verzweifelt.

Es begann so:
Erste verstohlene Blickkontakte in der Aula.
Sogar einmal ein flüchtiges Lächeln.

Doch dann:
aus die Maus – Corona-Pandemie!
Lock down!
Shut down!
Kontaktsperre!

Die Schule hat wieder begonnen!
Und dann, endlich, wieder: dieser Blick.
Als sich die Blicke von Liara und Yuval getroffen haben und sie lächeln musste, wurde Yuval zum glücklichsten Mensch der Schule, ach was sag ich: der Welt!
Er musste gleich seinem Freund Doron schreiben.

Dieser eine Blick hat für Yuval alles verändert.
Die lange Trauerphase: endlich vorbei.
Gefühlsachterbahn, aber diesmal: von zu Tode betrübt zu himmelhoch jauchzend, nicht wie sonst umgekehrt.
Man kann wirklich sagen: ein Blick hat alles verändert.

Hören wir noch einmal den Lesungstext, der auch dieser Predigt zugrunde liegt. Er steht im Alten Testament, in der katholischen Tradition trägt das Buch den Namen „Numeri“, die Evangelischen sagen „4. Buch Mose“ dazu:

22 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: 24 Der HERR segne dich und behüte dich; 25 der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. 27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

4. Mose 6,22-27

Der eine Blick von Liara hat das Leben von Yuval komplett umgekrempelt!
Yuval spürt: ich werde gesehen!
Er wagt zu hoffen: ich werde geliebt!
Er ist sich sicher: ich bedeute Liara etwas!

Unser biblischer Text berichtet davon, dass Gott auch uns einen Blick schenkt, uns eines Blickes würdigt.
Wir lernen: Gott schaut uns an!
Wir leben im Vertrauen: Gott liebt uns!
Eins ist sicher: jede und jeder bedeutet Gott etwas!

Jemanden ansehen, das heißt: jemandem Würde und Respekt zugestehen.
Erwachsene, die zerstritten sind, „können sich nicht mehr in die Augen sehen“!
Ein Obdachloser beklagt: „Es ist ja okay, wenn mir wer kein Geld gibt, aber dieses absichtliche, schnelle und demonstrative Wegschauen, sobald mich jemand entdeckt, tut weh!“
Und wer wegsieht, wenn er eine Person verletzt auf dem Gehsteig liegen sieht, ist nicht nur unhöflich, sondern er unterlässt im schlimmsten Fall eine Hilfeleistung, die lebensrettend sein kann.

Nicht wegsehen, wenn andere in Gefahr sind.
So lässt sich auch beschreiben, was von den USA aus die ganze Welt erfasst hat: die Protestwelle anlässlich des Mordes an George Floyd unter dem Motto #blacklivesmatter
Ihr erinnert euch: George Floyd starb am 25. Mai in Minneapolis in Folge eines Polizeieinsatzes. Polizisten knieten auf seinem Hals und seinem Brustkorb und haben ihn dadurch getötet.
Hunderttausende Menschen haben sich daraufhin weltweit versammelt, um gegen Rassismus auf die Straße zu gehen. Denn der Fall Floyd ist nicht der erste Fall von Rassismus in den Vereinigten Staaten. Das Problem ist riesengroß!

Protestierende sind weltweit – auch bei uns – auf die Straße gegangen, weil sie nicht mehr akzeptieren wollen, wie die Würde schwarzer Menschen in den USA, aber auch weltweit – etwa auch hier in Österreich – negiert wird. Denn ja, auch unsere Gesellschaft hat ein Problem mit Rassismus!

Es ist schön, dass so viele unterschiedliche Menschen sich diesem Anliegen anschließen.
Dass dabei so viele junge sind – auch Schülerinnen und Schüler unserer Schule – macht mir Hoffnung!

Die Motive, gegen Rassismus auf die Straße zu gehen, sind bei allen unterschiedlich.
Aber zu sehen, wie die Würde, die Gott allen Menschen gegeben hat, mit Füßen getreten wird, hat auch religiöse Menschen auf die Straße getrieben.
Und auch wir hier solidarisieren uns mit diesen Protesten und dieser Bewegung.
Auch wir – als religiöse Menschen, als gottesdienstliche Gemeinschaft, als Lehrerinnen und Schülerinnen des Wiedner Gymnasiums und der Sir Karl Popper Schule lehnen Rassismus, Intoleranz und Gewalt ab.
Gott macht keinen Unterschied – und wir auch nicht.

Liara schaut Yuval lächelnd an.
Und Yuval fühlt sich gesegnet.
Und wir dürfen uns gesegnet fühlen, weil Gott und anschaut.

Gott schenkt uns seinen Segen – nicht nur am Ende dieses Gottesdienstes.
Gott schenkt uns seinen Segen im wieder aufs Neue.

Segen bedeutet:
Gott meint es gut mit dir.
Gott meint es gut mit deinem Leben.

Wird eine zweite Welle mit Schulschließungen im Herbst kommen?
Werde ich dann wieder rund um die Uhr mit meinen nervigen Eltern und meinen anstrengenden Geschwistern in der Wohnung zusammenpicken?
Was, wenn mein Opa krank wird, dem es eh schon so schlecht geht?
Und was wird aus mir, wenn Papa dann nicht in Kurzarbeit geschickt wird, sondern seinen Job verliert?

Gerade in diesen Zeiten brauchen wir Gottes Segen so dringend!
Brauchen wir die Zusage: Gott meint es gut mit dir und deinem Leben.
Allen Problemen, Schwierigkeiten und Nöten zum Trotz.
Denn das Versprechen Gottes kann uns die Kraft geben, auch mit den größten Problemen umgehen zu können.

Liebe Schülerinnen und liebe Schüler!
Liebe Lehrerinnen und liebe Lehrer!

Gott schaut euch an.
Er meint es gut mit euch!
Er meint es gut mit eurem Leben.
Amen

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Von Stefan Janits

Evangelischer Theologe und Journalist. Ich schreibe hauptsächlich für evangelische Medien in Österreich über die Themen Religion und Gesellschaft.

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