Keine Chance den Angsthasen

Wer sich an den wahren Männerwerten orientiert, führt eine glücklichere, erfülltere Beziehung, lese ich hier in dieser Zeitschrift. Wer auf Kohlenhydrate, speziell auf Weizen und Zucker verzichtet, hat mehr Energie während des Tages und in der Nacht den besseren Schlaf. Und wer darauf achtet, dass die Schuhe auch immer perfekt zum restlichen Outfit passen, hat mehr Erfolg im Beruf, steht hier geschrieben. Jetzt wissen Sie auch, warum ich schwarze Schuhe zum Talar trage – ich will ja meine Karriere nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Osterhase oder Angsthase? (Foto: Wikimedia/MOdmate)

Osterhase oder Angsthase? (Foto: Wikimedia/MOdmate)

Die Welt ist voll von unterschiedlichsten Heilsversprechungen. Dazu muss man nicht nur in Männer- oder Frauenmagazinen lesen. Auch das Internet ist voll davon. Ja selbst die kleinste Buchhandlung hat eine gute sortierte Esoterikabteilung. Die Welt ist voll von Heilsversprechungen. Und die Menschen springen darauf an. Ungebrochen ist die Sehnsucht nach einer Art von Heil. Nach einem besseren Leben, nach einem erfüllten Leben. Nach einem Leben das mehr bietet als Aufstehen, Arbeiten gehen, Fernschauen und Schlafen. Nach einem Leben, in dem es keinen Schmerz, kein Leid, keine Trauer gibt.

Auf fruchtbaren Boden fallen die vielen Ratgeber in den Buchhandlungen. Ausgebucht sind die unterschiedlichsten Guru-Seminare. Alternative Heilmethoden und Medikamente boomen, nicht nur im Internet, mittlerweile auch immer öfters in Apotheken und Arztpraxen. Wer hier die vielen Angebote, wie etwa Komplementärmedizin oder Selbsthilfeliteratur pauschal als Blödsinn verunglimpft, hat sicher Unrecht. Es bedarf schon eines genauen Hinschauens, ehe man ein Urteil fällt. Und doch sind sie alle nach einem bestimmten Muster aufgebaut: tue dies und jenes, dann wird dir Gutes widerfahren. Lerne endlich Nein-sagen, und du wirst selbstbewusster und erfolgreicher. Mache täglich diese fünf Übungen, und dein Körper wird strammer, deine Haut straffer. Trage diesen Frühling weiße Beffchen zum schwarzen Talar und deine Gemeinde wird dich lieben. Es ist meistens das gleiche Muster: Tu dies und jenes, dann wird dir Gutes widerfahren.

Auch das Christentum ist ein Heilsversprechen. Auch das Christentum muss zu den Heilsversprechen gezählt werden – auch wenn die Bibel und christliche Literatur nur mehr in gut sortierten Buchhandlungen zu finden sind. Das Christentum verspricht den Menschen Heil. Und dennoch gibt es einen ganz entscheidenden, einen ganz wesentlichen Unterschied. Etwas, worin sich der christliche Glaube von allen anderen Verheißungen abhebt. So sehr unser Glaube auch das Heil des Menschen, also sein aufgehoben sein in der Liebe Gottes, so sehr er dies auch betont, so sehr dies auch im Mittelpunkt unserer Hoffnungen stehen mag. Eines macht der christliche Glaube nicht, eines verspricht uns die Bibel im Gegensatz zu diesem Männer-Magazin und den zahlreichen anderen Zeitschriften und Büchern nicht: Dass der Glaube an Christus uns von Leid, Schmerz und Trauer verschont!

Dass Christentum mag ein Heilsversprechen sein, ja! Aber unser Glaube, die heilige Schrift, macht uns keine falschen Hoffnungen. So sehr wir uns es auch wünschen, der Glaube an den dreieinigen Gott ist keine Art Unfall- und Lebensversicherung fürs Diesseits.

– Wer an Christus glaubt kann trotzdem schwer krank werden und Leid erfahren.
– Beziehungen können scheitern und in einer furchtbaren Trennung enden, auch wenn man sein Leben auf Jesus baut.
– Der Glaube an den dreieinigen Gott verhindert nicht, dass man seinen Arbeitsplatz verliert und in finanzielle Nöte gerät.
– Wie sehr man auch die Bibel für richtig und wahr hält: jeder von uns macht die Erfahrung, geliebte Menschen zu verlieren.
– Und das Bekenntnis zu Jesus führt nicht automatisch zu Anerkennung und Respekt. Viele von denen, die auf Christus vertrauen, erfahren Verfolgung und Gewalt, haben mit Diskriminierung und Repressalien, manchmal sogar mit dem Tod zu rechnen. Das zieht sich wie ein roter Faden durch unsere Geschichte, beginnend bei der Urkirche bis in die heutige Zeit.

"Ich rufe Paulus in den Zeugenstand…" (Foto: Wikimedia/ACBahn)

„Ich rufe Paulus in den Zeugenstand…“ (Foto: Wikimedia/ACBahn)

„Ich rufe Paulus in den Zeugenstand“, würde man jetzt wohl bei Gericht sagen. Paulus ist Zeuge dafür, dass der Glaube an Jesus nicht automatisch in einem Leben ohne Sorgen und Nöte mündet. Dass der Glaube an Jesus nicht verbunden ist mit Erfolg und Ansehen. Dass der christliche Glaube keine Sicherheitsgarantie für das Leben auf Erden darstellt. Rufen wir also Paulus in den Zeugenstand und hören wir seine Aussage:

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im 2. Korintherbrief, im ersten Kapitel. Der Apostel Paulus schreibt:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der Vater der Barmherzigkeit und Gott allen Trostes, der uns tröstet in aller unserer Trübsal, damit wir auch trösten können, die in allerlei Trübsal sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott. Denn wie die Leiden Christi reichlich über uns kommen, so werden wir auch reichlich getröstet durch Christus. Haben wir aber Trübsal, so geschieht es euch zu Trost und Heil. Haben wir Trost, so geschieht es zu eurem Trost, der sich wirksam erweist, wenn ihr mit Geduld dieselben Leiden ertragt, die auch wir leiden. Und unsre Hoffnung steht fest für euch, weil wir wissen: wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.

Habe ich ihnen zu viel versprochen? Paulus weckt keine falschen Hoffnungen, was den christlichen Glauben betrifft. Er macht sich und uns keine Illusionen, ganz im Gegenteil. Wenn er schreibt: „Ihr werdet an den Leiden teilhaben“, dann klingt das nicht nach einer Einladung zum Glauben. Mir ist jedenfalls kein Werbefolder unserer evangelischen Kirche bekannt, in dem dies drinnen steht: „Ihr werdet an den Leiden teilhaben“.

Nein, ganz sachlich und nüchtern schreibt Paulus hier an seine Gemeinde in Korinth. Er weiß ganz genau, was die Menschen beschäftigt. Er kennt nicht nur ihre Schwierigkeiten und Probleme. Vielmehr ist er ganz und gar Leidensgenosse, weil er dieselben Leiden erfährt, wie die Christinnen und Christen in Korinth. Verfolgung und Bedrohung von außen, aber auch Streit und Spaltung innerhalb der Gemeinde.

„Mein Herr, du bist ein einzigartiger Gott: Reich bist du an Barmherzigkeit und Gnade, unendlich geduldig, voller Güte und Treue.“ (Ps 86,15)

Paulus schreibt seinen Leuten in Korinth nicht, um sie an ihre missliche Lage zu erinnern. Paulus muss den Schwestern und Brüdern in Korinth nicht mitteilen, wie schlecht es ihnen geht, wie groß ihre Trübsal ist. Es ist eine andere Erfahrung, eine sehr persönliche, die Paulus mit seinen Glaubensgeschwistern teilt. Die Erfahrung, dass sich in der Trübsal Gott als der Gott allen Trostes offenbart. Paulus hat gespürt: wie schwer das Leben auch sein mag, wie mühsam, wie kräfteraubend. Gott tröstet uns in allerlei Trübsal. Paulus und sein Freund Timotheus finden Trost bei Gott.

Dieser Trost zeigt sich am Kreuz – dem unser Blick in der Passionszeit ganz besonders gehört. Nicht nur Paulus kennt die Leiden der Menschen. Nein, Gott selbst hat in seinem Sohn Jesus Christus das Leid dieser Welt kennengelernt, es am eigenen Leib erfahren. In Jesus Christus ist Gott solidarisch mit allen Menschen, die eine schwere Bürde zu tragen haben. Die leiden, die krank sind oder im Sterben liegen, die in Not und Bedrängnis sind, die am Zustand dieser Welt verzweifeln, die einsam und verlassen ihr Dasein fristen, die verspottet und verfolgt werden. Und dieser Trost zeigt sich besonders in der Treue, mit der Gott uns durch unser Leben begleitet, durch alle Höhen und Tiefen. So singt auch der Beter des 86. Psalms voller Vertrauen: „Mein Herr, du bist ein einzigartiger Gott: Reich bist du an Barmherzigkeit und Gnade, unendlich geduldig, voller Güte und Treue.“ (Ps 86,15) Darin besteht der Trost, dass Gott treu ist und nicht von unserer Seite weicht – auch wenn wir ihn vielleicht nicht immer spüren und manchmal von seiner Gegenwart nichts bemerken. Und Paulus schreibt uns: „Wie ihr an den Leiden teilhabt, so werdet ihr auch am Trost teilhaben.“

„Unverzagt und ohne Grauen soll ein Christ,
wo er ist, stets sich lassen schauen.
Wollt ihn auch der Tod aufreiben,
soll der Mut dennoch gut
und fein stille bleiben.“ (EG 370)

… haben wir als Lied vor der Predigt gesungen. Gott will uns trösten. Dieser Trost wird am Kreuz sichtbar, an dem sich Gottes Solidarität mit den Menschen in Jesus Christus zeigt, der gelitten hat und gestorben ist.

Das Kreuz soll uns aber nicht nur an Schmerz, Leid und Tod erinnern. Das Kreuz ist mehr: es ist ein Hoffnungszeichen. Ein Zeichen dafür, dass Gott aus dem Furchtbaren, aus dem Verletzten und Verwundeten etwas Gutes hervorbringen kann. Das Kreuz ist ein Denkmal dafür, dass Leid, Schmerz und Tod nicht das letzte Wort haben. Weil Christus am Kreuz gestorben und am dritten Tag auferstanden ist, dürfen wir Hoffnung schöpfen. Wir dürfen Hoffnung schöpfen, weil Gott unser Heil will. Das Weizenkorn wird in die Erde fallen und sterben, aber es wird reiche Frucht bringen. Gott will unser Heil, „denn Gott ist die Liebe. Und darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“ (1. Joh 4,8b-9)

Liebe Gemeinde!

Nicht immer ist das, was man sieht, auch das, was es ist. Oder anders gesagt: wer das, was ich hier mitten in der Passionszeit in die Höhe hebe, für einen voreiligen Osterhasen hält, irrt gewaltig.

Manchmal täuscht der erste Eindruck... Oder: wer bin ich? (Foto: Foto: Rainer Knäpper, Lizenz Freie Kunst, http://artlibre.org/licence/lal/de/)

Manchmal täuscht der erste Eindruck… Oder: wer bin ich? (Foto: Foto: Rainer Knäpper, Lizenz Freie Kunst, http://artlibre.org/licence/lal/de/)

Vom Trösten ist im heutigen Predigttext die Rede. Gott tröstet uns, wir werden getröstet werden, wir werden am Trost teilhaben. Das griechische Wort trösten – parakaleo – hat aber noch eine zweite Bedeutung beziehungsweise kann es auch anders übersetzt werden, nämlich mit: ermutigen! Gott ermutigt uns, wir werden ermutigt werden, wir werden ebenso an der Ermutigung Anteil haben.

Lesen wir Paulus Brief unter diesem Vorzeichen, verändert sich der ganze Grundtenor des Textes. Dann heißt es:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! Er ist der Vater, der uns Barmherzigkeit schenkt, und der Gott, bei dem wir Ermutigung finden. Er ermutigt uns in all unserer Not. Und so können auch wir anderen Menschen in ihrer Not Mut machen. Wir selbst haben ja ebenso durch Gott Ermutigung erfahren. Denn das Leid, das Christus erlebt hat, wird zwar auch uns in reichem Maß zuteil. Aber genauso erfahren wir in reichem Maß auch die Ermutigung, die er schenkt. Mehr noch: Wenn wir in Not geraten, so geschieht das, damit ihr ermutigt und gerettet werdet. Und wenn wir ermutigt werden, so geschieht auch das, damit ihr neuen Mut schöpft. Mit dessen Hilfe könnt ihr geduldig dieselben Leiden ertragen, die auch wir ertragen müssen. Was euch betrifft, sind wir sehr zuversichtlich. Denn wir wissen, dass ihr genauso an der Ermutigung Anteil habt wie an dem Leiden.

Das, was ich hier in der Hand halte, ist kein Osterhase, liebe Gemeinde, das hier ist ein Angsthase. Ein Angsthase, der für die vielen kleinen und großen Ängste und Sorgen im Leben steht. Jesu Tod am Kreuz, seine Auferstehung und die Verheißung, dass auch wir „durch ihn leben sollen“ möchte uns ermutigen, möchte uns Mut machen in unserem Leben und für unser Leben. „In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden„, spricht Christus. (Joh 16,33)

Und Paulus erinnert uns daran, dass wir „unverzagt und ohne Grauen“ sein sollen. Dass wir als Christinnen und Christen mutige Menschen sein dürfen, weil wir Gott an unserer Seite wissen.

Also: keine Chance den Angsthasen!

 

(Predigt zum Sonntag Lätare, 6. März 2016, Pauluskirche Wien-Landstraße)

Susanne, Paul & das Pilzrisotto – Predigt vom 31. Jänner 2016 (Sexagesimä)

Susanne und Paul, ein glückliches Paar. Im Fitnesscentre lernten sie sich kennen. Am Montag Nachmittag haben sie durch Zufall immer gemeinsam trainiert: Susanne am Ergometer, Paul an der Rudermaschine. Als Paul es einmal übertrieben hat und ihm schwarz vor Augen wurde, war Susanne als erste an seiner Seite, um ihn zu fragen, wie es ihm geht. Susanne reichte ihm ihre Wasserflasche, Paul lud sie darauf hin eine Woche später auf einen Kaffee ein. Dann ein Abendessen, ein Theaterbesuch, ein erster Kuss. Seit Monaten sehen sie sich regelmäßig, verbringen ihre Freizeit miteinander, stellen Pläne für die Zukunft an. Alles läuft bestens. Susanne und Paul, ein glückliches Paar.

Verschiedene Rollen, verschiedene Masken... (Foto: Wikipedia/Fg2)

Verschiedene Rollen, verschiedene Masken… (Foto: Wikipedia/Fg2)

Doch jetzt ist Paul unsicher. Er weiß: umso länger man sich kennt, umso mehr Zeit man miteinander verbringt, umso schwieriger wird es, die Rolle aufrechtzuerhalten, mit der man angetreten ist. Am Anfang mag man der neuen Flamme besonders gut gefallen, das war bei Paul genau so. Wenn die Liebe noch ein kleines, zartes Pflänzchen ist, will man kein Risiko eingehen. Ganz klar: man zeigt sich von seiner Schokoladenseite und auch das Gegenüber schaut nicht so genau hin. „Liebe macht blind“, das gilt auch für Susanne.

Wie lange wird Paul die Maskerade noch durchhalten? Immer öfter wird ihm dieser Zwiespalt bewusst: er verhält sich manchmal anders, als er eigentlich möchte. Er reagiert beispielsweise angepasst und gehemmt, anstatt zu sagen, was ihn an Susanne stört.

Er isst das Pilzrisotto schon zum zehnten Mal, obwohl es ihm bereits beim allerersten Mal nicht geschmeckt hat. Denn Paul hasst Schwammerl. Aber damals, im Überschwang des Verliebtseins, wollte er Susanne nicht enttäuschen. Und da war es nebensächlich, was da auf dem Tisch stand, was zum Abendessen serviert wurde. Aber jetzt, Monate später, nach einem anstrengenden Arbeitstag. Kann er jetzt noch sagen, dass er Pilzrisotto gar nicht mag? Ginge das gut? Oder würde das in einen großen Streit ausarten? Und würde sich das wirklich lohnen? Ist es nicht viel einfacher, ein wenig von dem Gericht runterzuwürgen und dann dankend zu sagen: „Mmmmh, sehr gut, aber ich kann einfach nicht mehr. Ich nehme mir den Rest morgen in die Arbeit mit und werde es dort aufessen…“

Paul ist gefangen in seiner Rolle. Susanne richtet spezielle Erwartungen an ihn, gespeist aus den Erfahrungen der gemeinsamen Monate. Das setzt Paul zunehmend unter Stress. Immer wieder und immer öfters gerät Paul in innere Konflikte. Immer stärker belastet ihn diese Diskrepanz zwischen dem Paul, wie Susanne ihn liebt und dem Paul, wie Paul ihn kennt. Auch wenn es sich nüchtern betrachtet nur um Kleinigkeiten handelt.

So vertraut Paul seinem Tagebuch an: „Ich weiß, dass ich nicht so toll bin, und ich habe Angst, dass Susanne es erfährt. Deswegen mache ich diese Sachen. Sie wird eines Tages herausbekommen, dass ich nicht so toll bin. Ich versuche nur, den Tag so lange wie möglich hinauszuschieben. Würde sie mich kennen, wie ich mich kenne, dann…“

Bei Shakespeare heißt es im Stück „Wie es euch gefällt“:

Die ganze Welt ist Bühne
Und alle Fraun und Männer bloße Spieler.
Sie treten auf und gehen wieder ab,
Sein Leben lang spielt einer manche Rollen
Durch sieben Akte hin.

Und im heutigen Predigttext aus dem Hebräerbrief heißt es:

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen. (Hebräer 4,12-13)

Paul kommt immer öfters ins Schwitzen weil er merkt, dass Susanne ein anderes Bild von ihm hat. Es unterscheidet sich von der Art und Weise, wie Paul sich selbst sieht.

Er liebt Susanne, gar keine Frage. Und er glaubt an eine gemeinsame Zukunft, daran hat Paul keinen Zweifel. Aber es ist nicht nur das Pilzrisotto, das ihn immer wieder aus der Bahn wirft und ihn fragen lässt, wie das weiter gehen soll. Er interessiert sich auch nicht für Malerei und Museumsbesuche. Und er gibt täglich sein Bestes, um liebevoll, verständnisvoll und geduldig zu sein. Aber manchmal macht ihn Susanne so wütend, dass er sie am liebsten anbrüllen würde.

„Sein Leben lang spielt einer manche Rollen“, sagt Jacques in Shakespeares Stück „Wie es euch gefällt“ und trifft damit den Nagel auf den Kopf. Alle Menschen spielen Rollen, von der Geburt bis zum Tod.

Nicht nur eine, sondern viele unterschiedliche Rollen. Ich hier auf der Kanzel, im schwarzen Talar in dieser Gemeinde habe die Rolle des Vikars. Sie hier haben die Rolle des Gemeindemitglieds und/oder Gottesdienstbesucher!

Alle Menschen spielen Rollen, und zwar nicht nur eine, sondern mehrere Rollen mehrfach täglich. Und das ist völlig normal und in den meisten Fällen nicht weiter verwerflich. Wer beruflich in die Rolle der Ärztin schlüpft, muss gegenüber dem Patienten nicht auch die Rolle der Ehefrau einnehmen. Wer am Vormittag in der Rolle des Lehrers Schülerinnen und Schüler unterrichtet, muss nicht die Rolle des besten Freunds der Kinder einnehmen. Und Jugendliche, die in der Rolle der Schülerin, des Schülers in der Klasse sitzen, müssen nicht die Rolle des Kindes einnehmen, die sie vielleicht zu Hause haben. Das wäre kontraproduktiv, wir würden uns verletzlich machen und angreifbar. Wer nicht in unterschiedlichen Rollen agiert und agieren kann, steht bildlich gesprochen splitternackt vor seinem Gegenüber – und wer will das schon? Zurecht bedecken wir uns, zurecht verbergen wir, was Andere nichts angeht. Und wie immer gilt im Leben: die Dosis macht das Gift. Alles von sich preiszugeben ist definitiv nicht klug. Aber zu viel Geheimniskrämerei gegenüber geliebten Menschen ist auch nicht immer g’scheit, davon kann Paul ein Lied singen.

Splitternackt vor jemand Anderem stehen, dieses Bild zeichnet auch der heutige Predigttext. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen, heißt es da im Hebräerbrief. Nichts ist vor Gott verborgen, alles ist aufgedeckt vor seinen Augen. Ein starkes Bild, ein beunruhigender Gedanke, ein ungutes Gefühl, unter Beobachtung zu stehen.

Was bei Susanne noch klappt, gelingt Paul vor den Augen Gottes nicht mehr. So viele Rollen kann Paul gar nicht haben, so geschickt kann er sich gar nicht vor seinen eigenen Wünschen und Gefühlen drücken, als das Gott ihn nicht erkennen würde, genauso wie er ist. Der Autor des Hebräerbriefs ruft uns hier ganz deutlich in Erinnerung: Gott kennt dich, Gott weiß wer und wie du bist, Widerstand zwecklos.

Und wer wir sind und wie wir sind und was uns in unserem Menschsein ausmacht, das ruft uns das Wort Gottes regelmäßig in Erinnerung, von dem es heißt: Es ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Es ist das Wort Gottes, das uns zur Selbsterkenntnis führen kann und will.

Gleich einem Spiegel ist das Wort Gottes. Wie ein Spiegel, in dem wir uns selbst sehen und erkennen, wer wir sind. Abseits aller Rollen, mit unseren Stärken und Schwächen, unseren guten Seiten und unseren Fehlern und Schwächen – sofern wir uns darauf einlassen. Das Wort Gottes konfrontiert uns mit allem, was uns ausmacht und hilft uns zu einem realistischen, zu einem authentischen Selbstbild zu kommen.

Lebendig und kräftig und schärfer

Oft lautet der Vorwurf an das Christentum, an den christlichen Glauben und speziell auch an die Kirche: ihr macht alle Menschen zu Sündern, ihr redet allen Menschen ein schlechtes Gewissen ein, um sie von euch abhängig zu machen. Aber darum geht es hier nicht, so sehr diese Anschuldigung oft auch stimmen mag. Das Wort Gottes jedenfalls will niemanden niederdrücken, es will Menschen nicht klein machen, unterjochen und ersticken.

Sondern: „Das Wort Gottes ist lebendig“. Diese erste Beschreibung, dieser erste Satz ist die Präambel zu dem, was danach folgt. Diese ersten Worte sind der Schlüssel zum weiteren Verständnis des Textes.

Gottes Wort ist lebendig, weil Gott lebendig ist. Die Bibel gibt uns Zeugnis davon, dass Gott lebendig ist. Er ist die lebendige Quelle. Und Gott ist nicht nur lebendig, er ist auch der Schöpfer allen Lebendigen, er ist es, der lebendig macht. Und durch Tod und Auferstehung hat Gott den Tod ein für alle Mal überwunden, damit wir auf ewig lebendig bleiben.

Wie in einem offenen Buch... (Foto: Wikipedia/Nevit Dilmen)

Wie in einem offenen Buch… (Foto: Wikipedia/Nevit Dilmen)

Splitternackt steht Paul vor Gott. Nackt und entblößt stehen auch wir vor unserem Schöpfer. Er liest in uns wie in einem offenen Buch. Eine beängstigende Vorstellung, eine beunruhigende Tatsache, eine blöde Geschichte die so gar nicht nach Evangelium, nach froher Botschaft klingen mag.

Hier schwingt er wieder mit, der Vorwurf: Das Christentum macht Menschen zu Sündern! Da ist sie wieder, die Anklage: im Christentum geht es nur um Sünde und Schuld! Aber stimmt das wirklich? Es lohnt sich – wie so oft – genau hinzusehen. „Wir müssen Rechenschaft vor Gott ablegen“ – aber, ist das der Schlusspunkt?

Es ist schon richtig: das Christentum schaut genau hin und sieht auch die Fehler und Schwächen der Menschen. Aber wenn wir Christinnen und Christen von Sünde sprechen, dann sprechen wir immer im selben Atemzug auch von der Vergebung. Und wenn Christentum Schuld thematisiert, dann niemals ohne auch Versöhnung mit zu meinen. Das eine ist ohne das andere undenkbar! Und gar nicht anders macht es auch der Verfasser des Hebräerbriefes. Das Wort Gottes ist wie ein Spiegel, ja. Aber der Briefschreiber hält zwei Verse später fest:

„Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht (!) zu dem Thron der Gnade (!), damit wir Barmherzigkeit (!) empfangen und Gnade (!) finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“ (Hebr 4, 15-16)

Wir dürfen zu Gott kommen, gerade auch mit unserer Schwachheit: in der Stille, im Gebet, aber auch im Abendmahl, das wir heute miteinander feiern. Denn Brot und Wein sind nicht nur da für die Christinnen und Christen, die mit Gott im Reinen sind und vermeintlich meinen, sie wären ohne Sünde. Das Abendmahl ist auch und besonders für jene da, die „mühselig und beladen“ sind. Oder wie Jesus noch gesagt hat: „Die Starken, die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ Das ist die frohe Botschaft. Das ist das Evangelium. Das ist eine zutiefst evangelische – auch im konfessionellen Sinne – eine zutiefst evangelische Botschaft.

Und was haben Paul und Susanne davon? Paul darf sich angenommen wissen von Gott, auch wenn er weiß, dass er „nicht so toll ist“. Er ist von Gott geliebt. Gott sieht Paul so, wie er ist. Aber es ist kein strafender, sondern ein zutiefst liebender Blick. Paul darf sich so annehmen, wie er ist. Wer sich selbst akzeptiert, hat den ersten Schritt in Richtung Veränderung gemacht. Er wird sich seiner eigenen Gefühle bewusst und entdeckt, dass er eine Beziehung auf der Grundlage dieser wirklichen Gefühle leben kann. Der mögliche Startschuss eines neuen Umgangs mit „seiner“ Susanne.

Und Susanne darf erfahren, dass Paul nicht perfekt und fehlerlos ist. Dass aber auch Paul nicht nur Schwächen und Fehler hat. Susanne darf lernen, dass Paul schlicht und einfach ein Mensch ist, der mit jeder Ecke und Kante, die von sich preisgibt, interessanter und liebenswerter wird.

Und was für Susanne und Paul gilt, gilt auch für sie und mich: Wir dürfen uns angenommen wissen von Gott, so wie wir sind. Mit unseren Fehlern und Schwächen. Denn „Gott ist die Liebe.“ (1. Joh 4,16) Amen

Hier kann die Predigt nachgehört werden.

 

Der hässlichste Pullover der Welt – Predigt vom 23. August 2015

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde!

Was sehen wir?

Foto: Wikipedia/http://geschenkhamster.de/geschenke/

Foto: Wikipedia/http://geschenkhamster.de/geschenke/

Richtig, ein Geschenk!
Was tun wir damit?
Richtig, auspacken?
Aber wie geht das?
Wer kann uns das vormachen?

[Anm.: Ein Gemeindemitglied kam während der Predigt nach vorn und hat ein Geschenk ausgepackt, das ich vorher hergezeigt habe.]

Perfekt gemacht! Was befindet sich drinnen? Eine kleine Tafel Schokolade, genau! Wenn ich die jetzt haben dürfte… War nur ein Spaß, die ist ein kleines Dankeschön fürs Mitmachen! Ich hoffe Du freust Dich/Sie freuen sich!

Hervorragend gemacht: Geschenk ausgepackt, Freude ausgestrahlt, Dankbarkeit gezeigt.

Dabei ist das gar nicht so einfach, die richtige Geschenkannahme. Klar, wenn man ein Geschenk bekommt, über das man sich wahnsinnig freut und dann auch noch wirklich überrascht ist, fällt es noch halbwegs leicht, sich so sehr zu freuen, dass auch die umherstehenden Personen sagen: „Ma, wie die sich freut! Ma, wie der sich freut! Schön“.

Aber wehe, dass Geschenk gefällt einem weniger. Oder, wenn man schon weiß, was man bekommt. Oder wenn einem das Präsent aus welchen Gründen auch immer peinlich ist. Dann sind schon hervorragende schauspielerische Leistungen gefragt, damit der Schenker, damit die Schenkerin nicht enttäuscht und sogar verärgert ist.

„Das Papier ist edel, die Kordel drum herum hübsch anzusehen. Die Familie beobachtet aufmerksam, wie der Knoten des Geschenkbands gelöst und der versteckt angebrachte Tesafilm entfernt wird. Die Spannung steigt, als das Geschenk ausgewickelt wird. Und zum Vorschein kommt: Der hässlichste Pullover, den Sie je in Händen gehalten haben.“

Foto: Wikipedia/TheUglySweaterShop.com

Foto: Wikipedia/TheUglySweaterShop.com

So leitet das deutsche Geschenkefachmagazin FOCUS seine Geschichte mit der Überschrift „So reagieren sie richtig auf schreckliche Geschenke“ ein. Und präsentiert drei gute Tipps, die ich ihnen nicht vorenthalten möchte, immerhin feiern wir in weniger als vier Monaten Weihnachten!

Tipp 1: Wahrheit! Dazu der FOCUS: „Absolute Ehrlichkeit ist eine Möglichkeit, sie empfiehlt sich aber nicht, weiß Agnes Jarosch vom Knigge-Rat: „Ein Geschenk ist eine freiwillige Gabe. Es kommt nicht gut an, wenn man diese mit Undank quittiert.“

Tipp 2: Lüge! Das kommt für uns alle natürlich nicht in Frage, aber der Vollständigkeit halber sei diese Möglichkeit trotzdem erwähnt. Dazu heißt es Zeitungsartikel: „Lügen Sie wie gedruckt. Diese zweite Variante ist schon besser. Sie sichert immerhin den Frieden. ‚Es gibt ein starkes gesellschaftliches Tabu, das fordert, dass Geschenke stets mit Freude entgegenzunehmen sind, und sei diese noch so geheuchelt’, erklärt Psychologin Felicitas Heyne. Kommt das Geschenk von der Oma, die man sehr mag, die den Geschmack aber offenbar falsch eingeschätzt hat, ist die vorgegaukelte Freude das Mittel der Wahl.“

Tipp 3: Geschönte Wahrheit! Noch einmal ein Zitat aus dem Magazin: „’Je besser man sich kennt, desto eher kann und sollte man etwas sagen, denn sonst läuft man Gefahr, das Folgegeschenke ähnlich ausfallen’“, sagt Knigge-Expertin Jarosch: „’Aber bitte vorsichtig. Zunächst sollte man etwas Positives an dem Geschenk herauspicken und betonen. Und dann behutsam die Kritik anbringen.’“ Das könnte etwa so klingen: „’Vielen Dank. Der Pullover ist wunderbar flauschig, aber leider harmonieren Schnitt und Farbe nicht mit meiner sonstigen Garderobe.’“

Wie sich erkenntlich zeigen für ein Geschenk, das ist gar keine leichte Frage. Bei normalen Packerln zum Geburtstag oder zu Weihnachten ist die Herausfordernung noch relativ leicht zu meistern. Schon anders sieht das beispielsweise bei Menschen aus, die von einer bekannten oder auch fremden Person ein Organ „geschenkt“ bekommen. Sich dafür dankbar zu zeigen, so ein Geschenk anzunehmen ist schwierig. Ein ehemaliger österreichischer Rennfahrer hat einmal das mediale Sommerloch mit folgender Lebensgeschichte gefüllt: Er hätte gerne seinem Bruder Geld geschenkt für die Niere, die sein Bruder ihm überlassen hat. Das ist in Österreich aber strengstens verboten, damit nicht über die Hintertür der Organhandel eingeführt beziehungsweise erlaubt wird. Das musste auch der Rennfahrer schweren Herzens akzeptieren. Gar nicht so einfach, die Sache mit der Geschenkannahme.

Hören wir den Predigttext, aufgeschrieben im Evangelium nach Lukas im 10. Kapitel:

Die Frage nach dem ewigen Leben
25 Sieh doch:
Da kam ein Schriftgelehrter
und wollte Jesus auf die Probe stellen.
Er fragte ihn:
»Lehrer, was soll ich tun,
damit ich das ewige Leben bekomme?«
26 Jesus fragte zurück:
»Was steht im Gesetz?
Was liest du da?«
27 Der Schriftgelehrte antwortete:
»Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
mit deiner ganzen Kraft
und mit deinem ganzen Willen.
Und: Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst.«
28 Jesus sagte zu ihm:
»Du hast richtig geantwortet.
Halte dich daran
und du wirst leben.«

29 Aber der Schriftgelehrte wollte seine Frage rechtfertigen.
Deshalb sagte er zu Jesus:
»Wer ist denn mein Mitmensch?«
30 Jesus erwiderte:
»Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab.
Unterwegs wurde er von Räubern überfallen.
Die nahmen ihm alles weg,
auch seine Kleider,
und schlugen ihn zusammen.
Dann machten sie sich davon
und ließen ihn halb tot liegen.

31 Nun kam zufällig ein Priester denselben Weg herab.
Er sah den Verwundeten
und ging vorbei.
32 Genauso machte es ein Levit,
als er zu der Stelle kam:
Er sah den Verwundeten
und ging vorbei.

33 Aber dann kam ein Reisender aus Samarien dorthin.
Als er den Verwundeten sah,
hatte er Mitleid mit ihm.
34 Er ging zu ihm hin,
behandelte seine Wunden mit Öl und Wein
und verband sie.
Dann setzte er ihn auf sein eigenes Reittier,
brachte ihn in ein Gasthaus
und pflegte ihn.
35 Am nächsten Tag holte er zwei Silberstücke hervor,
gab sie dem Wirt
und sagte:
›Pflege den Verwundeten!
Wenn es mehr kostet,
werde ich es dir geben,
wenn ich wiederkomme.‹

36 Was meinst du:
Wer von den dreien ist dem Mann,
der von den Räubern überfallen wurde,
als Mitmensch begegnet?«
37 Der Schriftgelehrte antwortete:
»Der Mitleid hatte
und sich um ihn gekümmert hat.«
Da sagte Jesus zu ihm:
»Dann geh und mach es ebenso.«
Amen

In einem Kinderlied, dass ich bei einer Kinderfreizeit auf Burg Finstergrün kennengelernt habe, heißt es:

Hast Du heute schon danke gesagt, für so viel schöne Sachen?
Hast Du heute schon danke gesagt, Gott will dir Freude machen!

Zum Wohnen ein Haus,
zum Schlafen ein Bett,
die Freunde zum Spielen sind so nett.

Das Brot auf dem Tisch,
die Milch in dem Krug,
und Kleider haben wir genug.

„Hast Du heute schon danke gesagt?“

Wir leben ein „verdanktes Leben“. Dass wir heute hier sitzen, das haben wir nicht uns zuzuschreiben. Und damit meine ich nicht, dass wir heute hier in der Kirche sitzen und nicht etwa am Frühstückstisch zu Hause oder im Liegestuhl im Garten. Aber dass wir Leben, dass wir das Leben geschenkt bekommen haben, das verdanken wir nicht uns. Wir sind beschenkt worden.

Aber nicht nur das Leben wurde uns geschenkt – wer mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht wird – hoffentlich – immer wieder auf Dinge stoßen, für die er oder sie dankbar sein kann:
– für den wunderbaren Partner
– für die liebevollen Kinder
– für das gemütliche Zuhause
– für Freundinnen und Freunde, mit denen man über alles sprechen kann
– für ein Lächeln
– für die Arbeit, die einem Freude bereitet
– für die Eltern, und was sie für einen getan haben
– für jeden neuen Tag, den man erleben darf
– für jeden Sonnenuntergang, den man sehen darf
– für jede schmerzfreie Nacht, in der man mal endlich wieder durchschlafen kann
– für die Menschen, die für einen da sind, wenn man sie braucht.

Die Liste ließe sich vermutlich endlos fortsetzen und jeder und jede von ihnen würde mindestens noch ein Punkt einfallen, der in dieser kurzen Aufzählung jetzt noch nicht vorgekommen ist. Und sogar dann, wenn einem das Leben gerade viel Kummer und Sorge bereitet, lassen sich doch noch Kleinigkeiten finden, für die man dankbar sein kann.

„Und wem haben wir das alles zu verdanken?“ – für religiöse Menschen ist die Antwort auf diese Frage leicht zu finden. Um es mit dem Dichter Matthias Claudius zu sagen: „Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn“. Es ist Gott selbst dem wir so vieles, dem wir alles (?), zu verdanken haben.

Dankbarkeit ist auch der Grund, warum wir hier und heute Gottesdienst feiern. Wir sagen danke für ein unfassbar großes Geschenk, das nicht in so ein kleines Packerl passt. Wir treffen uns ja nicht zufällig am Sonntag Vormittag, weil da die meisten von uns frei haben und nicht arbeiten gehen müssen. Wir feiern am Sonntag Vormittag, weil Jesus am Sonntag in der Früh auferstanden ist von den Toten, nachdem er am Freitag für uns am Kreuz gestorben ist. Durch seinen Tod am Kreuz sind wir vor Gott gerechtfertigt – wir werden nicht nach unseren Sünden und Verfehlungen von Gott be- und verurteilt – sondern wir sind bereits jetzt frei gesprochen, wir haben bereits jetzt Gnade bei Gott gefunden. Und durch die Auferstehung seines Sohnes von den Toten werden auch wir auferstehen von den Toten.

In der Lesung aus dem 1. Johannesbrief haben wir gehört: „Darin ist erschienen die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen eingebornen Sohn gesandt hat in die Welt, damit wir durch ihn leben sollen.“ Gott liebt uns um unserer selbst willen – das ist das größte Geschenk, das Gott uns gemacht hat!

Doch: wie nehmen wir dieses Geschenk richtig an? Wie gehen wir mit diesem Geschenk richtig um? „Lehrer, was soll ich tun?“

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
mit deiner ganzen Kraft
und mit deinem ganzen Willen.“

Den Herrn, unseren Gott lieben, das ist es, was wir tun sollen. So sollen wir auf sein Geschenk reagieren, so sollen wir mit seinem Geschenk umgehen!

„Du sollst ihn lieben mit deinem ganzem Herzen“ – beim Herz denken wir einerseits an das Organ, und anderseits an Gefühle und Empfindungen. Im Hebräischen aber hat das Wort Herz – leb – noch eine viel größere Bedeutung: es meint den ganzen inneren Menschen, es meint die Personenmitte, dass, was einen Menschen im Innersten ausmacht. Das Herz meint das „wahre Selbst“ des Menschen. Nur am Herz kann man erkennen, wie ein Mensch wirklich ist. Das Herz ist die zentrale Instanz, die den Menschen prägt und lenkt. Mit allem, was uns ausmacht, sollen wir Gott lieben.

„Du sollst ihn lieben mit deiner ganzer Seele“ – hier ist nicht die griechische Psyche gemeint, sondern wieder die hebräische Nefesch. Der Bedeutungssinn geht vom Organ der „Kehle“ über den „Atem“ bis zum „Leben“ und der „Person“ selbst. Das heißt: Auch mit unseren Unvollkommenheiten, unseren Bedürfnissen und Sehnsüchten, Schwächen, Fehlern soll wir uns ganz Gott hingeben und ihn lieben. Wir brauchen vor Gott nichts verbergen und verstecken, schon gar nicht unsere Schattenseiten und dunklen Flecken. Wir sollen Gott lieben, dabei müssen wir uns aber nicht verstellen. Wir dürfen so sein, wie wir sind.

„Du sollst ihn lieben mit deiner ganzer Kraft“ – wir sollen dies tut mit dem, wo wir uns als selbständig, gut, erfolgreich und liebenswert erfahren. Mit Talenten und Begabungen, mit den eigenen Stärken und Fähigkeiten.

„Du sollst ihn lieben mit deinem ganzem Willen“ – das heißt mit dem ganzen Denken, mit der eigenen Klugheit, mit den umfassenden Erfahrungen und mit Weisheit, mit jenem Teil des eigenen Selbst also, der im Unterschied zur Seele und zur Kraft von der Vernunft geprägt ist.

Was soll ich tun?

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit deinem ganzen Herzen,
mit deiner ganzen Seele,
mit deiner ganzen Kraft
und mit deinem ganzen Willen.“

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben – diese Liebe zu Gott aber ist nicht trennbar von der Selbst- und der Nächstenliebe. Denn das ist der zweite, gleichberechtigte Teil des Doppelgebots der Liebe aus dem Alten Testament, der hebräischen Bibel: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Oder wie es in einer modernen Übersetzung heißt: „Liebe deinen Mitmenschen“. Wie das geht, zeigt uns Jesus am Beispiel des barmherzigen Samariters, der mit dem Verwundeten am Straßenrand Mitleid hatte.

Zum Abschluss noch einmal Zeilen aus dem 1. Johannesbrief: „Wenn jemand spricht: Ich liebe Gott, und hasst seinen Bruder, der ist ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann nicht Gott lieben, den er nicht sieht. Und dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.“

Amen

Öffne Dich – Predigt am 23. August 2015 (12. Sonntag nach Trinitatis)

„Die Grenzen dicht“ – diese Forderung hört man seit einigen Wochen wieder öfters. In Zeitungen, von Politikern, auf Facebook oder am Stammtisch. Angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen wünschen sich viele eine erneute Einführung von Grenzkontrollen.
Doch nicht nur die Grenzen sollen verschlossen werden. Viele Menschen verschließen ihre Augen und Ohren vor den Schicksalen der Flüchtlinge und Asylsuchenden und hüllen sich in Schweigen. Sie verschließen sich vor dem, was sich in heimischen Flüchtlingslagern abspielt: Schwangere, die ihre Kinder in alten Postautobussen zur Welt bringen müssen; Kinder, die in billigen Zelten auf durchnässten Isomatten oder am nackten Boden schlafen; erwachsene Männer und Frauen, die von einem kleinen Lunchpaket pro Tag satt werden müssen – so, als ob ein Apfel, eine Semmel und ein Stück Käse genug für eine erwachsene Person wären. Hilfsorganisationen wie die Diakonie, Caritas oder Ärzte ohne Grenzen sprechen von katastrophalen Zuständen. Erfahrene Helferinnen und Helfer erzählen, dass sie solche Zustände nur aus den ärmsten Ländern der Welt kennen.

Fotonachweis: Wikipedia/Waugsberg (http://bit.ly/1EmzJn8)

Fotonachweis: Wikipedia/Waugsberg (http://bit.ly/1EmzJn8)

„Es ist unfassbar, in einem der reichsten Länder der Welt Schlafsäcke und Matratzen an kleine Kinder austeilen zu müssen, damit diese zumindest nicht auf dem nackten Boden schlafen“, erzählt ein Mitarbeiter einer Hilfsorganisation im Fernsehen, das Entsetzen im Gesicht ist ihm anzusehen.

Viele Menschen verschließen ihre Augen und Ohren vor den Schicksalen der Flüchtlinge und Asylsuchenden. Die einen, weil ihnen die nötige Empathie für die Notleidenden fehlt. Die Gründe mögen unterschiedlich sein: Angst vor dem Fremden, vor dem Unbekannten ist da sicher ein Motiv genauso wie die – oftmals unbewusste – Angst vor dem eigenen sozialen Abstieg. Wer sich nicht mehr zu hundert Prozent darauf verlassen kann, dass auch für ihn ein Stück vom großen Kuchen abfällt, der tut sich schwer mit dem Teilen.

Es gibt aber auch jene, die einfach aus xenophoben, aus ideologischen Gründen alle ablehnen, die nicht in ihr Bild des „echten Österreichers“, der „echten Österreicherin“ passen. Es hilft bei der Aufrechterhaltung dieses Weltbild übrigens enorm, wenn man den Kontakt mit Flüchtlingen, wenn man den Umgang mit Ausländern, wenn man das Gespräch mit ÖsterreicherInnen mit Migrationshintergrund tunlichst vermeidet. Denn es soll schon vorgekommen sein, dass durch ein Gespräch, dass durch einen persönlichen Kontakt auch das festgefahrendste Weltbild ordentlich ins Wanken geraten ist.

Und dann gibt es noch jene Menschen, die vor lauter Not, vor lauter Elend nicht wissen, was sie tun sollen, nicht wissen wie sie helfen können. Die vor lauter Überforderung Augen und Ohren verschließen und verstummen. Die eigentlich einen Beitrag leisten wollen, aber in Schockstarre verfallen.

Der heutige Predigttext steht im Evangelium nach Markus, im 7. Kapitel:

31 Danach verließ Jesus die Gegend von Tyrus wieder.
Er kam über Sidon zum See von Galiläa,
mitten ins Gebiet der Zehn Städte.

32 Da brachten Leute einen Taubstummen zu ihm.
Sie baten Jesus:
»Leg ihm deine Hand auf.«
33 Und Jesus führte ihn ein Stück
von der Volksmenge weg.
Er legte seine Finger in die Ohren des Taubstummen
und berührte dessen Zunge mit Speichel.
34 Dann blickte er zum Himmel auf,
seufzte und sagte zu ihm: »Effata!«
Das heißt: »Öffne dich!«

35 Und sofort öffneten sich seine Ohren,
seine Zunge löste sich
und er konnte normal sprechen.
36 Und Jesus schärfte ihnen ein,
nichts davon weiterzuerzählen.
Aber je mehr er darauf bestand,
desto mehr machten sie es bekannt.

37 Die Leute gerieten außer sich vor Staunen
und sagten:
»Wie gut ist alles, was er getan hat.
Er macht,
dass die Tauben hören
und dass die Stummen reden können.«

„Effata! Öffne dich“ – sagt Jesus zu dem Taubstummen.

„Effata! Öffne dich“, ein seltsames Gebot, eine ungewöhnliche Aufforderung, ein gefährliches Unterfangen. Für den Taubstummen beginnt ein neues, ein verändertes Leben. Die Begegnung mit Jesus verändert ihn, die Begegnung mit Jesus schenkt ihm einen Neubeginn. Wieder hören zu können, wieder reden zu können, das befreit ihn aus der Isolation. Wieder hören und reden zu können, das ermöglicht die Kontaktaufnahme mit anderen Menschen. Er wird Teil der Gesellschaft, er kann teilnehmen an den Gesprächen. Er wird wieder beziehungsfähig, es entstehen neue Möglichkeiten der Begegnung. „Nicht sehen trennt von den Dingen, nicht hören können trennt von den Menschen.“ So formulierte es im 18. Jahrhundert der Philosoph und Aufklärer Immanuel Kant. Heute gibt es zum Glück auch für Menschen, die nicht reden und hören können hervorragende Möglichkeiten, zu kommunizieren. Heute gibt es keinen Grund, diese Menschen zu isolieren, sie führen ein selbstbestimmtes Leben und sie zu stigmatisieren, sie als „behindert“ zu bezeichnen ist ein Fehler.

Dennoch: Diese Worte beschreiben sehr treffend, warum das Hören für unser Leben eine so große Bedeutung hat. Mit anderen Menschen in Kontakt treten, ein vertrautes Gespräch führen oder einfach gemeinsam lachen – Hören bedeutet Kommunikation. Schon ein ungeborenes Kind im Mutterleib nimmt Geräusche, Stimmen und sogar Musik wahr.

„Effata! Öffne dich“, sprach Jesus. Da öffneten sich seine Ohren, seine Zunge löste sich und er konnte normal sprechen.

„Öffne dich!“ – Und wenn sich unsere Ohren öffnen würden? Und wenn sich unsere Zunge lösen würde?

„Hallo meine Lieben, wir waren gestern mal mit einer ersten Ladung in Traiskirchen“, schreibt eine Freundin auf Facebook. „Mein Freund Aaron, der mitgefahren ist, hat auch schon auf seiner Wall davon berichtet. Hier noch eine kurze Zusammenfassung von mir:
Gestern haben wir mal Müsli-, Nuss-, Obst- und Schokoriegel, sowie salziges Knabberzeug (Nüsse, Brezen, Cracker etc.) verteilt. Das ist grundsätzlich mal sehr gut angekommen. Wir werden heute wieder hinfahren. Wir haben gestern auch mit sehr netten Männern/Jungs aus dem Irak geredet. ich möchte heute wieder mit ihnen reden und schauen, ob sie helfen können, Sachen gezielter im Lager an Leute zu verteilen, die es am dringendsten benötigen. Was nämlich wirklich noch gebraucht wird sind Schuhe und Jacken. Es wird jetzt kalt und es regnet, die meisten Leute dort sind dafür überhaupt nicht ausgerüstet/angezogen. Die dünnen Zelte bieten da auch nur bedingt Schutz“, postet die Freundin auf ihrer Facebook-Seite.

Und dann schreibt sie: „Und was die Leute dort am meisten brauchen: willkommengeheißen zu werden. Dort sein und einfach nur ‚Hallo’ sagen. Bei dem Wetter vielleicht eine Thermoskanne süßen Tee mitnehmen und sich die wahnsinnigen Geschichten anhören, was die Menschen durchgemacht haben, um hier her zu kommen. Am Ende des Tages ist das hier keine politische Angelegenheit, sondern eine menschliche, die uns alle was angeht. In dem Sinne: anpacken, mitmachen, helfen!“

„Einfach nur ‚hallo’ sagen. Vielleicht eine Thermoskanne süßen Tee mitnehmen und sich die wahnsinnigen Geschichten anhören.“

„Einander hören können, aufeinander hören verbindet Menschen“, so kann man Kants Zitat ins Positive wenden. „Effata! Öffne dich.“

Gestern Nachmittag feierten wir hier in der Kapelle eine Taufe – die kleine Lena Marie Sophie, die eigentlich mit ihren Eltern in Berlin wohnt, wurde hier bei uns getauft. Und wie sich das so gehört, habe ich, bevor dann die Taufe selbst vollzogen wurde, den Eltern und den Paten die Tauffragen gestellt und ihre Bedeutung erklärt. Also, ob sie bereit sind, Verantwortung für das Leben des Kindes zu übernehmen, ob sie sich bemühen werden, das Kind im christlichen Glauben zu erziehen, es anzunehmen mit seinen Gaben und Schwächen. Und als ich das so erklärt habe und mit den Ausführungen fertig war, musste ich – gemeinsam mit den Eltern und den Paten – feststellen: Puuuh, wenn man das ernst nimmt, ist die Latte ziemlich hoch gelegt und ein Scheitern mehr oder weniger vorprogrammiert.
Aber – Durchatmen! – dann haben wir gemeinsam die Antwort auf die Tauffragen in den Blick genommen. Denn die Antwort auf die Frage, ob man bereit sei, Verantwortung zu übernehmen, das Kind wertschätzend anzunehmen auch in schwierigen Situationen, lautet nicht: „Ja, natürlich!“ Und auch nicht: „Ja, mit Sicherheit“ oder „Ja, das krieg ich schon hin“.

Die Antwort lautet: „Ja, mit Gottes Hilfe!“

„Effata! Öffne dich“, ein seltsames Gebot, eine ungewöhnliche Aufforderung, ein gefährliches Unterfangen. Manch einer mag davor zurückschrecken, weil es nicht einfach ist, sich zu öffnen. Wer es aus eigener Kraft versucht, wird sich vielleicht überfordert und überwältigt fühlen. Aber: „Ja, mit Gottes Hilfe!“ – darf man es versuchen. „Ja, mit Gottes Hilfe!“ – ist es machbar.

Die Begegnung des Taubstummen mit Jesus machte ihn hörend und sprechend, öffnete ihn für seine Mitmenschen. Auch wir werden hörend und sprechend, wenn wir Jesus begegnen. Diese Begegnung lässt nicht kalt. Aus einer Begegnung mit Jesus gehen Menschen verwandelt heraus. Sie werden nicht sofort zu Heiligen und Wundertätern. Aber Sie bleiben auch nicht unberührt, etwas in ihnen verändert sich, ein erster Anstoß ist gegeben, wenn man Jesus begegnet: in der Bibel, im Abendmahl, im Gebet.

Wenn wir uns aufmachen und anderen Menschen unser Ohr leihen, wenn wir bereit sind, unserem Gegenüber Gehör zu schenken, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass wir Gott an unserer Seite haben. Dass er uns mit seinem Segen begleitet.
Weil wir an seinem Reich mitarbeiten, weil wir Teil seiner großen Verheißung werden. Wir haben sie in der Lesung gehört: „Für die Geringen wird der Herr eine Quelle ständig wachsender Freude sein, und die stets Benachteiligten werden jubeln über den heiligen Gott Israels.“ (Jesaja 29,19)

Dieser Bericht aus dem Markusevangelium soll uns eine Ermutigung sein, hinzuhören und dann unseren Mund zu öffnen, um das gute und notwendige Wort zu sprechen. „Die Gabe des Redens sollen wir für das Heil der Mitmenschen einsetzen. Du behältst fremdes Eigentum für Dich zurück, wenn Du, obwohl reich an persönlicher Reife und an Gaben, aus Furcht, Bequemlichkeit oder falscher Demut ein gutes Wort, das vielen nützen könnte, durch Schweigen zurückhältst“, schreibt Bernhard von Clairvaux. Eine Ermutigung also, unseren Mund zu öffnen und die Stimme zu erheben für all jene, die keine Stimme mehr haben oder deren Stimme nicht gehört wird.

Wo Menschen Not leiden und ihnen das Nötigste fehlt – Öffne dich.
Wo gegen Menschen auf der Flucht gehetzt wird – Öffne dich.
Wo dein Lächeln und ein gutes Wort einen Unterschied machen kann – Öffne dich.
Wo andere Scheuklappen aufhaben – Öffne dich.
Wo andere Augen, Mund und Ohren verschließen – Öffne dich.
Wo deine Hilfe dringend gebraucht wird – Öffne dich.
Wo dir Menschen begegnen, die anderen selbstlos helfen und beistehen – Öffne dich.
Wo Helferinnen und Helfer unbedankt alles geben für Notleidende – Öffne dich.
Wo ein klares und deutliches Nein ausgesprochen werden muss – Öffne dich.

Effata! Öffne uns, Herr. Amen

Noch Fragen? – Konfirmationspredigt 24.5.2015

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen!
Amen

Liebe Gemeinde!
Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden!

79,4 Prozent der Christinnen und Christen können die Zehn Gebote nicht in der richtigen Reihenfolge aufsagen. 87,1 Prozent der Christinnen und Christen in unserem Land wissen nicht, warum Jesus am Kreuz gestorben ist. Und 97,1 Prozent der Christinnen und Christen können nicht erklären, was es mit Pfingsten auf sich hat. So die aktuellen Zahlen einer vor mir erfundenen Studie, frei nach dem Motto: Vertraue keiner Statistik, die du nicht selber gefälscht hast.

Nach der Konfirmation kommt kein Punkt, sondern ein Doppelpunkt!

Auch wenn ich mir die Prozentzahlen nur ausgedacht und wahllose Annahmen formuliert habe, so bin ich mir doch sicher, dass ich damit gar nicht so weit entfernt bin von der Realität. Allein Pfingsten! Wir, die wir hier sitzen und miteinander Konfirmation feiern, wir wissen natürlich, dass heute – auch – Pfingsten gefeiert wird. Und wir wissen, was wir zu Pfingsten feiern. Wir feiern die Entsendung, die Ausgießung des Heiligen Geistes am fünfzigsten Tag nach dem Osterfest, wie es in der Apostelgeschichte berichtet wird. Wir wissen es, jedoch bei den Menschen, die kaum mehr oder keinen Bezug zur Kirche haben, bin ich mir nicht mehr so sicher.

Zum Christsein gehört ein Grundstock an Wissen: Welche Bedeutung haben die zentralen Feste? Wie liest man die Bibel und welche Stellen darin sind besonders wichtig? Wer ist Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist und wie gehören die zusammen? Dazu kommen aber natürlich auch die Fragen, die uns ganz tief drinnen beschäftigen, die unsere Existenz angehen: Gibt es Gott überhaupt? Wie kann Gott Leid zulassen? Hat das Leben einen Sinn? Das sind nur einige von ganz vielen Fragen, die sich auftun, wenn man sich mit dem Christ-sein intensiver beschäftigt.

Die José Vasconcelos Bibliothek in Mexico City. (Foto: wikipedia/Eneas De Troya)

Die José Vasconcelos Bibliothek in Mexico City. (Foto: wikipedia/Eneas De Troya)

Und mit dem Christ-sein haben wir uns auch im Konfiunterricht intensiv auseinandergesetzt. In den vergangenen zehn Monaten haben wir uns regelmäßig, kontinuierlich mit Glaubensthemen auseinandergesetzt. Wir haben versucht zu klären, wovon wir überhaupt sprechen, wenn wir von „Glauben“ reden. Wir haben gemeinsam erarbeitet, warum Jesus für uns am Kreuz gestorben und auferstanden ist. Und wir haben uns gemeinsam angeschaut, wie wir Christsein konkret im Alltag umsetzen können: ganz praktisch beim Diakoniepraktikum am Wiener Naschmarkt und Brunnenmarkt. Und theoretisch am Valentinstag, als wir über Freundschaft und Liebe gesprochen haben.

Jetzt, am Ende des Konfikurses, müssten also alle Fragen geklärt, alle Unsicherheiten beseitigt, jeder Zweifel ausgeräumt sein! Denn darum geht es ja bei der Konfirmation: Ja sagen zum christlichen Glauben. Und das ist ja wohl nur möglich, wenn alles geklärt ist. Wenn nichts mehr offen ist, wenn Klarheit und Sicherheit in Glaubensfragen herrschen.

Nach der Konfirmation kommt kein Punkt, sondern ein Doppelpunkt! So haben wir es vorher, am Beginn des Gottesdienstes, gehört. Denn wer glaubt, dass mit der Konfirmation alles vorbei, alles aus sei, der irrt ganz gewaltig. Jetzt geht es erst so richtig los.

Ihr habt noch das ganze Leben vor euch, diesen – höflich formuliert – altklugen Satz habt ihr sicher schon öfters zu hören bekommen. Aber er stimmt. Auf euch wartet so vieles, euch stehen abwechslungsreiche und spannende Jahre bevor. Und so viel steht heute schon fest: ganz gleich, wie ihr euer Leben gestaltet, welche Wege ihr einschlagt und in welche Stolperfallen ihr tappt: ihr werdet mit ganz ganz vielen Fragen konfrontiert werden.

Auf viele Fragen werdet ihr schnell eine gute und brauchbare Antwort finden, bei manchen Fragen werdet ihr länger nachdenken und viel grübeln müssen, bis ihr auf einen grünen Zweig kommt. Auf manche Fragen aber wird es nie eine befriedigende Antwort geben. Und das betrifft gerade auch Fragen, die etwas mit dem Glauben zu tun haben. Und jetzt meine ich nicht beispielsweise die Frage nach den Zehn Geboten. Wer die wissen will, braucht einfach nur in der Bibel nachzuschauen oder zu googeln. Ich bevorzuge ersteres!

Aber wenn im eigenen Leben einmal alles schief läuft, wenn sich die Eltern plötzlich scheiden lassen, wenn die Oma überraschend krank wird oder von einem Tag auf den anderen stirbt oder wenn einem zum allersten Mal der Liebeskummer packt und alles nur noch zum Heulen ist, dann ist es schon viel schwieriger, eine Antwort darauf zu finden, wieso das jetzt passiert ist.

Ja, manchmal ist es sogar unmöglich, eine Antwort zu finden – auch wenn es immer wieder Menschen geben wird, die vermeintlich auf alle Fragen eine Antwort haben, die euch für jedes Problem die scheinbar passende Lösung anbieten.

Hiob, dem Typen aus der Bibel, ging es in seinem Leben auch einmal so richtig dreckig und schlecht. Und das, obwohl er ein super frommer Mann war und sich nichts zu Schulden kommen ließ. Deswegen konnte er nicht verstehen, warum ihn so viel Schlechtes und Schlimmes widerfahren ist. Zur damaligen Zeit war man überzeugt: etwas Schlimmes widerfährt einem nur, wenn man gesündigt hat. Und so haben auch Hiobs Freunde reagiert: „Du hast sicher gesündigt, sonst ginge es dir nicht so.“

Diese Freunde hielten es einfach nicht aus, die Frage Hiobs, warum das alles passiert ist, unbeantwortet zu lassen. So speisten sie ihn ab mit einer billigen Antwort. Dabei hätten die Freunde viel besser gehandelt, wenn sie statt zu antworten gemeinsam mit Hiob die Frage ausgehalten hätten. Wenn sie sich zu ihm gesetzt, mit ihm geschwiegen, mit ihm gegrübelt, mit ihm gelitten hätten. Denn ganz ehrlich: wer weiß schon auf jede Frage eine Antwort.

Bei Hiob lesen wir – und das ist der Predigttext:

Hiob 28, 20 […] Wo kommt die Weisheit her?
Und wer kann sagen, wo die Einsicht wohnt?
21 Kein Lebewesen hat sie je gesehen,
kein Vogel hat sie je im Flug erspäht.
22 Sogar der Abgrund und der Tod bekennen:
‚Wir haben bloß mal von ihr reden hören.‘
23 Nur Gott, sonst niemand, kennt den Weg zu ihr.
Er ganz allein weiß, wo die Weisheit wohnt.
24 Gott sieht die Erde bis an ihre Enden,
vom Himmel aus erblickt er alle Dinge.
25 Als er dem Winde seine Wucht verlieh,
dem Meer sein Maß und seine Grenze gab,
26 als er dem Regen Zeit und Ort bestimmte
und der Gewitterwolke ihren Weg,
27 da sah er auch die Weisheit, prüfte sie,
erkannte ihren Wert und nahm sie auf.
28 Danach gab Gott den Menschen diese Regel:
‚Den Herrn stets ernst zu nehmen, das ist Weisheit.
Und alles Unrecht meiden, das ist Einsicht.’«

Manchmal ist es besser, eine gute Frage offen zu lassen, anstatt sie mit einer schlechten Antwort abzuwürgen. Denn Fragen helfen uns, offen zu bleiben. Sie helfen uns dabei, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sie geben unserem Leben Spannung, sie machen unser Leben lebenswert. Über Fragen nachzudenken, ohne sie gleich beantworten zu wollen, kann unserem Leben Sinn geben. Unbeantwortete Fragen führen letztlich dazu, dass wir Menschen immer wieder ins Staunen geraten, dass wir nicht auf das Staunen verzichten, es verdrängen und es zur Seite schieben.

Manchmal heißt Christsein auch: Fragen, auf die es keine Antwort geben kann, unbeantwortet zu lassen. Diese Leere auszuhalten ohne gänzlich zu verzweifeln. Auf religiöse Fragen auch mal keine Antwort zu kennen, ohne dabei gleich den Glauben zu verlieren. Das schaffen wir aber nicht, wenn wir auf uns allein bauen, wenn wir auf uns allein vertrauen. Das schaffen wir nur, wenn wir uns öffnen für den Heiligen Geist, der auf uns herabkommt, so wie er einst auf die Jünger zu Pfingsten herabkam.
Und er hilft uns auch, Entscheidungen für unser Leben zu treffen. Durch den Heiligen Geist können wir ja sagen zu unserem Glauben. Mit Hilfe des Heiligen Geistes, im Vertrauen auf ihn, habt auch ihr vor wenigen Minuten ja gesagt: „Ja, mit Gottes Hilfe.“ Und wer auf den dreieinigen Gott vertraut, der darf auch mit seinem Segen rechnen. Das gilt für die Konfirmandinnen und Konfirmanden, wenn wir ihnen jetzt gleich die Hände auflegen zum Segen. Aber das gilt auch für uns, die wir heute nicht konfirmiert werden. Wer auf Gott vertraut, darf sich gesegnet wissen.
Amen

Es spricht alles für den Tod! (Predigt zum Ostersonntag 2015)

Bertold Brecht. Lob des Zweifels.

Gelobt sei der Zweifel!

Ich rate euch, begrüßt mir


Heiter und mit Achtung den


Der euer Wort wie einen schlechten Pfennig prüft!


Ich wollte, ihr wäret weise und gäbt


Euer Wort nicht allzu zuversichtlich.

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Liebe Gemeinde!

Es spricht alles für den Tod. Mit dieser ernüchternden Feststellung müssen wir uns auch zu Ostern 2015 zurechtfinden. Es spricht alles für den Tod.

Es genügt ein Blick in die Tageszeitung: Da wird von Stars und Sternchen berichtet, deren Ableben zu betrauern ist. Da wird die Opferzahl bei Anschlägen und Kriegen Tag für Tag nach oben korrigiert. Und garniert wird das Ganze mit aktuellen Reportagen aus Hospizstationen und Berichten über neue tödliche Erkrankungen im Chronikteil – je boulevardesker das Medium umso furchterregender die Krankheiten. Es spricht alles für den Tod.

Es spricht alles für den Tod. Wer aufmerksam durch einen Friedhof spaziert und sich die Zeit nimmt, die vielen Inschriften auf den Grabsteinen zu lesen wird merken: hier liegen Menschen aus vergangenen Jahrzehnten, ja vielleicht sogar aus vielen unterschiedlichen Jahrhunderten begraben. Den einen wurde ein langes Leben gegönnt, andere wiederum starben bereits nach wenigen Tagen oder Wochen. Und die beiden Weltkriege haben tiefe Furchen auf unseren Friedhöfen hinterlassen. Es spricht alles für den Tod.

Es spricht alles für den Tod. Foto: Wikipedia/Saperaud

Es spricht alles für den Tod. Foto: Wikipedia/Saperaud

Es spricht alles für den Tod. Das Durchforsten von Geschichtsbüchern oder ein Gespräch mit älteren Menschen macht uns deutlich, welche Fortschritte die Medizin in den vergangenen Jahrzehnten gemacht hat. Die Weiterentwicklungen und Durchbrüche im Medizinbereich waren und sind ein großer Segen, das wissen selbst medizinische Laien. Was vor wenigen Jahrzehnten noch eine bedrohliche Krankheit war, lässt sich heute mit ein paar Tabletten problemlos kurieren. Erkrankungen, die wir heute müde belächeln, waren noch vor hundert Jahren fast immer fatal. Und in den Operationssälen unseres Landes werden heute routinemäßig Körperteile transplantiert, künstliche Gelenke eingesetzt und der Schönheit vermeintlich nachgeholfen. Da vergeht dem unwissenden Beobachter nur so das Hören und Sehen und der Atem stockt. Die „Halbgötter in Weiß“ tun was in ihrer Macht steht – und das ist viel – um unser Leben zu erhalten oder zu verlängern. Und doch: Vermutlich kennen sehr viele von uns einen Menschen, der unter einer unheilbaren Krankheit leidet oder vielleicht vor nicht allzu langer Zeit daran verstorben ist. Blicken wir der unschönen Realität ins Auge: Ärzte können das Leben in vielen Fällen verlängern. Aber ewiges Leben können wir uns auch von den besten Medizinern nicht erhoffen. So schwer es uns vielleicht auch fallen mag, müssen wir uns eingestehen: Es spricht alles für den Tod.

Und am Karfreitag, in der neunten Stunde. Als Jesus am Kreuz rief: „Eloï, Eloï, lema sabachtani? Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Wie viele Träume von einem besseren Leben, von einer besseren Zukunft sind da zerplatzt? Wie viel Enttäuschung wohl in den Gesichtern seiner Anhänger zu sehen war? Wie groß wohl die Verzweiflung war? Was mag sich Josef gedacht haben, als er im Geschäft stand und ein Leinentuch für den verstorbenen Jesus kaufte? Was in ihm vorging, als er den Leichnam vom Kreuz nahm und ihn in das Leinentuch wickelte? Was ihn wohl durch den Kopf schoss, als er Jesus in die Grabkammer legte? (Flüsternd) „Es spricht alles für den Tod“.

Lest die Geschichte und seht


In wilder Flucht die unbesieglichen Heere.


Allenthalben


Stürzen unzerstörbare Festungen ein und


Wenn die auslaufende Armada unzählbar war


Die zurückkehrenden Schiffe


Waren zählbar.

Es spricht alles für den Tod. Und: jeder Mensch muss sterben. Und: Das Sterben gehört zum Leben einfach dazu. Diese Sätze sind uns schon lange vertraut. Sie entsprechen unserer Erfahrung. Wir werden mit dem Tod so oft konfrontiert, auch wenn wir ihn unterschiedlich nah an uns heranlassen. Aber wenn er uns einmal am falschen Fuß erwischt, sei es in der Arztpraxis oder im Krankenhaus, sei es am Friedhof, dann merken wir schnell, wie sehr uns der Tod betroffen macht, ganz gleich ob wir selber eine niederschmetternde Diagnose erhalten haben oder von einem lieben Verstorbenen Abschied nehmen müssen. Spätestens dann macht auch uns der Tod betroffen, weil wir merken, dass er uns letztlich auch selber betrifft. Wir lassen den Kopf hängen, Verzweiflung macht sich breit, die Angst nimmt sich ihren Raum, ob es uns passt oder nicht. Es spricht alles für den Tod. Und die Macht des Todes wirkt übermächtig erdrückend.

Schönster aller Zweifel aber


Wenn die verzagten Geschwächten den Kopf heben und


An die Stärke ihrer Unterdrücker


Nicht mehr glauben!

Liebe Gemeinde,

heute möchte ich sie einmal zum Zweifeln einladen. Ja, ich möchte sie geradezu ermutigen, dem Zweifel den Vorzug zu geben. Es spricht alles für den Tod.

Oh, wie war doch der Lehrsatz mühsam erkämpft!


Was hat er an Opfern gekostet!


Daß dies so ist und nicht etwa so


Wie schwer war’s zu sehen doch!


………. Und dann mag es geschehn, dass ein Argwohn entsteht.


Denn neue Erfahrung


Bringt den Satz in Verdacht. Der Zweifel erhebt sich.

Und eines Tages streicht ein Mensch

Im Merkbuch des Wissens

Bedächtig den Satz durch.

Ich lade sie heute ein zum Zweifeln. Nicht am Osterfest, nicht am Christentum, auch nicht an Gott oder an Jesus Christus. Ganz im Gegenteil: Zweifeln wir am Osterfest 2015 daran, dass alles für den Tod spricht.

Das ist doch die Kernbotschaft des Osterfestes: Christus ist auferstanden, er ist wahrhaftig auferstanden. Sein Tod am Kreuz war nicht das Ende der Geschichte. Mit Jesus wurden vielleicht unsere Hoffnungen zu Grabe getragen. Aber dieses Grab ist nicht der Schlusspunkt, sondern der Beginn einer wunderbaren Geschichte. Gott hat an Jesus Christus gezeigt, wozu er in der Lage und willens ist. Nämlich: die Macht des Todes vom Thron zu stoßen und ihn ein für alle mal zu besiegen.

Mit der Auferstehung Jesu hat eine neue Zeit begonnen. Und die alten Überzeugungen kamen gehörig ins Wanken. Gott hat dem Tod einen Strich durch die Rechnung gemacht. Das erste Osterfest war der Anfang vom Ende des Todes. Deswegen kann der Apostel Paulus auch hämisch fragen: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ (1. Kor 15,55)

Als Christinnen und Christen dürfen wir Zweifeln an der Macht des Todes. Als Christinnen und Christen haben wir das Recht, über das Sterben hinaus zu denken. Als Christinnen und Christen sollen wir uns kritisch mit dem Tod auseinandersetzen. Das Christentum ist die Gegenbewegung, die Opposition zum Tod.

Aber wie sehr hat sich unsere Gesellschaft mit dem Tod abgefunden. „Der Tod gehört zum Leben einfach dazu“, hört man die Menschen sagen. Der Tod sei das Natürlichste auf der Welt, wird einem erklärt. Und zahlreiche Bücher wollen uns dabei helfen, den Tod zu akzeptieren. Ich persönlich will mich nicht damit abfinden. Diese Sätze lösen Widerstand in mir aus und nähren meinen Zweifel. Der 2014 verstorbene Schauspieler Gert Voss hat das so treffend auf den Punkt gebracht: „Der Tod ist das Überflüssigste, was es gibt.“

Am Tod zweifeln, das ist es, was wir tun sollen und das ist es auch, was wir tun können. Noch leben wir in dieser Welt und sind verstrickt mit allem, was diese Welt ausmacht. „Noch ist unser Leben vom Tod gezeichnet“, so haben wir vor der Lesung miteinander gebetet. Der Tod begegnet uns Tag für Tag in unterschiedlichsten Facetten. Nicht nur am Sterbebett, wenn wir Abschied nehmen müssen. Nicht nur in der „Zeit im Bild“, wenn wir vom nächsten Terroranschlag erfahren oder – Stichwort Osterwochenende – die aktuelle Zahl der Todesopfer im Straßenverkehr verkündet bekommen. Der Tod begegnet uns auch dann, wenn langjährige Beziehungen plötzlich zerbrechen. Wenn lang gehegte Träume einfach nicht wahrwerden. Wenn herbe Rückschläge zu verdauen sind. Der Tod begegnet uns in der Gleichgültigkeit der sogenannten Ersten Welt gegenüber der sogenannten Dritten Welt. Wir stoßen auf ihn bei all den Verbrechen, die an unserer Schöpfung verübt werden. Wir sind mit dem Tod konfrontiert, wenn wir Opfer von Gewalt oder Missbrauch werden. Aber: Am Tod zweifeln, das ist es, was wir tun können und was wir tun sollen: Zweifeln!

Hören wir auf eine Stimme des Zweifels, hören wir auf das Evangelium nach Markus:

Mk 16, 1 Als der Sabbat vorbei war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus, und Salome duftende Öle. Sie wollten die Totensalbung vornehmen. 2 Ganz früh am ersten Wochentag kamen sie zum GrabDie Sonne ging gerade auf. 3 Unterwegs fragten sie sich: „Wer kann uns den Stein vom Grabeingang wegrollen?“ 4 Doch als sie zum Grab aufblickten, sahen sie, dass der große, schwere Stein schon weggerollt war. 5 Sie gingen in die Grabkammer hinein. Dort sahen sie einen jungen Mann auf der rechten Seite sitzen, der ein weißes Gewand trug. Die Frauen erschraken sehr. 6 Aber er sagte zu ihnen: „Ihr braucht nicht zu erschrecken. Ihr sucht Jesus aus Nazaretder gekreuzigt worden ist. Gott hat ihn vom Tod auferweckt, er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo sie ihn hingelegt hatten. 7 Macht euch auf! Sagt es seinen Jüngern und besonders Petrus: Jesus geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat.“ 8 Da flohen die Frauen aus dem Grab und liefen davon. Sie zitterten vor Angst und sagten niemandem etwas, so sehr fürchteten sie sich. (BasisBibel)

„Zweifel“ steht hier vorne drauf. (Auf der Kanzel hing eine Medaille, auf dessen Vorderseite das Wort Zweifel stand. Anm.) Aber sie wissen ja: jede Medaille hat zwei Seiten.

Zweifel und Glaube. Zweifel und Glaube gehören zusammen. Und beides gehört zum Christsein dazu. Am Tod zweifeln heißt, der christlichen Verheißung Glauben schenken und Vertrauen. Und der Glaube an Christus, der Glaube daran, dass Gott ihn von den Toten auferweckt hat, lässt uns am Tod begründet zweifeln. Das leere Grab, von dem uns das Markusevangelium berichtet, bereitete den drei Frauen Angst und Schrecken. Für uns aber ist es ein Mut machendes Zeichen. Die Grabkammer ist offen, Christus ist auferstanden, der Tod musste abdanken. Paulus schlussfolgert: „Christus ist vom Tod auferweckt worden, und zwar als Erster der Verstorbenen. Aber genauso werden wir alle lebendig gemacht, weil wir mit Christus verbunden sind.“ (1 Kor 20.22b)

Manchen Christen fällt es leicht und einfach, an die Auferstehung zu glauben. Das ist ein großes Glück und ein noch größerer Segen. Voll Zuversicht können sie in die Zukunft blicken, furchtlos erwarten sie, was da kommen mag.

Wir dürfen gewiss sein, dass alles, was Gott plant, einen tiefen Sinn hat. (Psalm 92,6) Foto: Wikipedia/Angeoun

Wir dürfen gewiss sein, dass alles, was Gott plant, einen tiefen Sinn hat. (Psalm 92,6) Foto: Wikipedia/Angeoun

Aber manche von uns fühlen sich verunsichert. Suchen Antworten auf existentielle Fragen und finden keine. Merken vielleicht gerade zu Ostern, wie brüchig und schwach der Glaube auch sein kann. Gerade denen sei gesagt: Glaube und Zweifel gehören zusammen, sie sind die zwei Seiten derselben Medaille, sind untrennbar miteinander verbunden. Ein Blick in die Bibel zeigt, wie sehr der Glaube immer wieder angefochten worden ist. Martin Luther geht so weit zu sagen, dass die Anfechtung, dass der Zweifel ein Merkmal echten Glaubens ist. Ein zweifelsfreier Glaube schien ihm verdächtig. Wir dürfen auch Zweifel erfahren, aber wir sollen nicht verzweifeln! Auch mit unserem Zweifel, unseren Ängsten und Sorgen, unseren offenen Fragen und Anfechtungen dürfen wir uns an Gott wenden und darauf vertrauen, dass er auch in diesen Situationen nicht von unserer Seite weicht. Wir dürfen gewiss sein, dass alles, was Gott plant, einen tiefen Sinn hat. (Psalm 92,6) Auch wenn wir ihn jetzt noch nicht erkennen, am Ende werden wir ihn erkennen.

Vom Zweifel am Tod und vom Glauben an die Auferstehung handeln die heutige Predigt und der heutige Gottesdienst. Aber dabei geht es nicht um Themen, die uns – hoffentlich – erst in ferner Zukunft betreffen werden. Die Auferstehung Christi wirkt schon hier und heute in unser Leben hinein. Dietrich Bonhoeffer, dessen Todestag sich am kommenden Donnerstag (9. April 2015) zum 70. Mal jährt, schrieb in einem Brief an seinen Freund Eberhard Bethge:

„Von der Auferstehung Christi her kann ein neuer, reinigender Wind in die gegenwärtige Welt wehen. […] Wenn ein paar Menschen dies wirklich glaubten und sich in ihrem irdischen Handeln davon bewegen ließen, würde vieles anders werden. Von der Auferstehung her leben – das heißt doch Ostern.“

Ganz gleich, ob wir im Moment eher glauben oder zweifeln: Wir alle dürfen schon jetzt hoffnungsfroh von der Auferstehung her leben. Amen.

Wie konnte es nur soweit kommen? (Predigt zum Palmsonntag 2015)

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

„Wie konnte es nur soweit kommen? Ich kann mir das gar nicht erklären, das passt gar nicht zu meinem Bub“, versicherte Hermine H. dem Richter, dabei gelang es ihr nur schwer, das Weinen zu unterdrücken. Man sieht es ihr an: es sind nicht die ersten Tränen, die sie für ihren mittlerweile 30-jährigen Sohn vergossen hat. Er hat seiner Mutter viele Sorgen und schlaflose Nächte bereitet in den vergangenen Jahren, doch soweit wie diesmal ist es noch nie gekommen.

Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld. (Foto: Wikimedia/Rebecca Kennison)

Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld. (Foto: Wikimedia/Rebecca Kennison)

Ihr Sohn, Sebastian, sitzt vor Gericht, auf der Anklagebank und wartet auf sein Urteil. „Ich verstehe das nicht, ich wollte doch nur immer das Beste für das Kind“, sagt sie auch dem Staatsanwalt bei der Hauptverhandlung. Aber es macht nicht den Eindruck, als würde der Staatsanwalt der 57-jährigen Mutter, die mindestens zehn Jahre älter aussieht, auch nur ein einziges Wort davon abnehmen.

Was war passiert?

„Die Gewaltanwendung war absurd und massiv“, hatte ein Caritas-Mitarbeiter im „Aggressionsprotokoll“ über Sebastian K. vermerkt, nachdem ein Kontrahent von Sebastian mit mehreren gebrochenen Schädelknochen und einer Gehirnerschütterung auf dem Boden einer Betreuungsstelle lag. Die von Markus B. vertretene Anklage gegen den 30-Jährigen lautet daher auf „absichtliche schwere Körperverletzung“. Denn Sebastian K. soll im Sommer 2014 das Opfer mit mehreren Fußtritten gegen den Kopf, bei denen er schwere Stiefel trug, verletzt haben.
Begonnen hat alles damit, dass Sebastian K. mit vier Bekannten vor einem Tageszentrum für Obdachlose dem Nikotinkonsum frönte. Drinnen hatte er sein Handy zum Aufladen angesteckt.

Als die Gruppe zurück ins Gebäude kam, war das Mobiltelefon weg. Dort, wo es sein sollte, saß ein Fremder. „Ich habe ihn gefragt, ob er es hat“, beginnt Sebastian seine Version. Der Unbekannte verneinte, der Angeklagte – also Sebastian – ging zu einem Caritas-Mitarbeiter, der die Nummer wählte, worauf es in der Hose des Fremden zu klingeln anfing.
„Ich bin zu ihm zurückgegangen, da ist er aggressiv geworden: Er hat mich beschimpft und geschubst“, behauptet der Angeklagte. „Ich habe ihn mit der flachen Hand ins Gesicht und auf den Arm geschlagen, dann hat er es mir zurückgegeben.“
Die erste Zeugin bestätigt, dass es einen Streit um ein Handy gegeben hatte.
Ein Zivildiener sagt aus, er habe beobachtet, wie Sebastian dem Opfer mit der Ferse von oben gegen den Kopf getreten habe.
Da zum Leidwesen des Richters der einzige Caritas-Mitarbeiter, der die Vorgänge von Anfang an verfolgt hat, unentschuldigt nicht erschienen ist, vertagte der Richter die Verhandlung.

Für die Mutter ist das aggressive Verhalten ihres Sohnes nach wie vor unerklärlich. Über das Fotoalbum aus seiner Kindheit gebeugt erzählt sie, wie lieb er als Kind immer gespielt hätte. Und mehrere Seiten später zeigt sie mit ihren kleinen Finger auf ein Bild, wo Sebastian auf einem Pfadfinderlager gemeinsam mit anderen Kindern ein Zelt auf einer Wiese nahe einem Waldstück aufbaut. „Er war eigentlich immer sehr beliebt, da gab es nie irgendwelche Beschwerden.“

Liebe Gemeinde!
Der Predigttext für den heutigen Sonntag, Palmsonntag, steht im Johannes-Evangelium, im 12. Kapitel:
12 Am nächsten Tag hörte die große Menge, die sich zum Fest in der Stadt aufhielt: Jesus ist auf dem Weg nach Jerusalem. 13 Da nahmen sie Palmenzweige und liefen ihm entgegen. Sie riefen: „Hosanna! Stimmt ein in unser Loblied auf den, der im Namen des Herrn kommt! Er ist der König Israels!“
14 Jesus fand einen jungen Esel und setzte sich darauf – genau so, wie es in der Heiligen Schrift steht: 15 „Fürchte dich nicht, du Tochter Zion! Sieh doch: Dein König kommt! Er sitzt auf dem Jungen einer Eselin.“ 16 Die Jünger von Jesus verstanden das zunächst nicht. Aber als Jesus in Gottes Herrlichkeit aufgenommen war, erinnerten sie sich daran. Da wurde ihnen bewusst, dass dieses Schriftwort sich auf ihn bezog. Denn genau so hatten ihn die Leute empfangen.
17 Die vielen Leute, die dabei gewesen waren, bezeugten: „Er hat den Lazarus aus dem Grab gerufen und ihn vom Tod auferweckt!“ 18 Deshalb kam ihm ja auch die Volksmenge entgegen. Sie alle hatten gehört, dass er dieses Zeichen vollbracht hatte.
19 Aber die Pharisäer sagten zueinander: „Da merkt ihr, dass ihr nichts machen könnt.
Seht doch! Alle Welt läuft ihm nach!“

Ein großartiger Tag für die versammelten Menschen am Straßenrand, ein verwirrender und verstörender Tag für die Jünger von Jesus, die nicht kapiert haben, was hier gerade vor sich geht. Und ein notwendiger Tag für Jesus, denn „seine Stunde war gekommen“. Im Gegensatz zu den anderen wusste Jesus, was ihn erwarten wird. Mit dem Palmsonntag kommt die ganze Passionsgeschichte ins Rollen, die Leidensgeschichte nimmt Fahrt auf, jetzt beschleunigt sich das Tempo; immer schneller und immer schneller, bis es am Karfreitag abrupt zu einem unschönen Ende kommt. Am Palmsonntag ist Jesus noch der gefeierte Star, der große Volksheld, die Zukunftshoffnung par excellence. Doch schon am Freitag haben sich fast alle von ihm abgewandt, er stirbt einsam und verlassen den Tod am Kreuz. „Wie konnte es nur soweit kommen?“

Wie konnte es nur soweit kommen – bei Sebastian K. und den Zeitgenossen Jesu? Aber auch, beispielsweise: bei den Nationalsozialsten, denen es gelang, ein Volk der „Dichter und Denker“ zu verführen und zu schlimmsten Verbrechen anzustiften? Oder: die ethnischen Säuberungen während des Jugoslawienkriegs in den 1990er Jahren, als aus Nachbarn plötzlich Todfeinde wurden. Oder: in Österreich aufgewachsene Jugendliche, die beschließen, in den Djihad zu ziehen, um blutrünstige Terroristen zu unterstützen. Oder: ein 27-jähriger junger Mann, der ein Flugzeug mit 150 Passagieren willentlich gegen ein Bergmassiv fliegt. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Am Ende aber bleibt immer die Frage über: Wie konnte es nur soweit kommen?

Und es kommt eine weitere aufwühlende Frage hinzu: Wo wäre ich gestanden? Wie hätte ich gehandelt? Am Straßenrand, Palmzweige wedelnd und den König empfangend? Ja, wahrscheinlich. Und am Karfreitag? Wäre ich mutig aufgetreten? Hätte ich lautstark demonstriert gegen die Hinrichtung Jesu? Oder hätte ich Jesus verschämt geleugnet, so wie es Petrus tat, dreimal? Schlimmer: hätte ich mich von der Gruppendynamik anstecken, hätte ich mich von der Welle erfassen lassen? Wäre ich dem Pöbel gefolgt und hätte ich mich dabei auch noch gut, stark und wichtig gefühlt? Wie schnell das gehen kann, ist ja hinlänglich bekannt. Denken sie nur an das Sozialexperiment „The Third Wave“, dass 1967 an einer Schule im us-amerikanischen Palo Alto durchgeführt wurde. Schüler konnten sich nicht vorstellen, wie es zu Faschismus und in Folge dessen zum Holocaust kommen konnte. Ihr Lehrer startete einen Schulversuch. Aufgeschreckt durch die Leichtigkeit, mit der die Schüler sich vereinnahmen und manipulieren ließen, brach Jones das Experiment schlagartig ab, indem er in einer Schulversammlung den begeisterten Anhängern der „Dritten Welle“ einen direkten Vergleich mit Jugendorganisationen im nationalsozialistischen Deutschland vorführte. Weltweit bekannt wurde das Experiment durch den Roman „Die Welle“, der auch mehrfach verfilmt wurde, zuletzt 2008.

Menschenkenntnis, das war wohl eine der herausragenden Talente Jesu. In allen Begegnungen wird deutlich: er kennt die Herzen der Menschen. Er sieht, was in ihnen vorgeht, noch ehe sie ein Wort gesprochen haben. Er wusste, dass die Frau am Jakobsbrunnen die Wahrheit sprach, obwohl er ihr vorher noch nie begegnet ist. Ihm war klar, dass Petrus ihn verleugnen wird. Und er sah in Judas schon seinen Verräter, während die Jünger noch völlig ahnungslos am Tisch saßen.

Keiner kennt die Menschen besser, keiner kennt uns besser als Gott. Nur er weiß, wie es um unser Innerstes bestellt ist, auch wenn wir heutzutage dank der modernen Psychologie und Neurobiologie immer mehr Erkenntnisse über unser Erleben und Verhalten sammeln.

Gott weiß, dass wir Sünder sind. Jesus wusste, dass er es mit Sünderinnen und Sündern zu tun hat. Und damit ist weniger gemeint, dass Jesus von den sogenannten kleinen Sünden der Menschen wusste. Natürlich kam auch ihm zu Ohren, dass der ein oder andere Zöllner ein Schlitzohr war. Dass der ein oder andere Verkäufer im Tempel keine hehren religiösen Absichten verfolgte, sondern im Namen des Profits agierte.

Aber auf den Weg der Passion machte er sich, weil er um unser Potential zum Bösen weiß. Weil er weiß, dass auch der netteste, freundlichste, hilfsbereiteste Mensch in sich desktruktive, zerstörerische, bösartige Anteile trägt. Niemand von uns muss zum Mörder werden, aber zu sagen: „Mir kann das unter keinen Umständen passieren“, zeugt von einer gewissen Blauäugigkeit. Niemand von uns muss zum Betrüger werden. Aber wer von sich selber behauptet, dass er davor gefeit sei, weiß nicht wovon er spricht. „Wir betrügen uns selbst, wenn wir behaupten: ‚Uns trifft keine Schuld!’“ – so steht es im 1. Johannesbrief (1,8).

„Wir erschrecken über die dunklen Möglichkeiten, die in uns sind“, heißt es im heutigen Kollektengebet für den Palmsonntag. Wir haben es vor der Lesung miteinander gebetet. Diese dunklen Möglichkeiten in uns, die uns gänzlich durchdringen, gleich dem Sauerteig, der das ganze Mehl durchsäuert; diese dunklen Möglichkeiten in uns sind es, die uns von Gott trennen. Sie sind die Ursache dafür, dass wir nicht den ersten Schritt auf Gott hin machen können. Sie sind der Grund dafür, dass wir nichts zu unserer Erlösung beitragen können.

Sie sind das unüberwindbare Hindernis auf dem Weg zu unserem Schöpfer. Dieses durchdrungen sein von der Sünde ist die Mauer, die uns den Weg zum himmlischen Vater versperrt.

Aber: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern!“ (Ps 30,18).

Das ist die frohe Botschaft: Gott hat sich erbarmt und den entscheidenden ersten Schritt auf uns zugemacht. „Nicht ihr habt mich ausgewählt. Ich habe euch ausgewählt“, so sagt es Jesus im Johannesevangelium ein paar Kapitel später. Das ist das Evangelium: Jesus ist den Weg der Passion gegangen, er ist am Kreuz gestorben für unsere sündhafte Natur. Er hat die Kaution bezahlt und wir wurden frei gesprochen. Damit wir leben können. Leben, zugleich gerechtfertigt und als Sünder – „simul iustus et peccator“, für die theologischen Feinspitze unter uns.

Jesus ist nicht in erster Linie am Kreuz gestorben, weil Sebastian K. einen Obdachlosen, der ihm sein Handy gestohlen hat, brutal zusammengeschlagen hat. Aber Jesus hat den Tod am Kreuz auf sich genommen, weil aus dem kleinen Bub, der einst bei den Pfadfindern Zelte aufbaute und mit seinen Freunden auf harmlosen Abenteuertouren durch den Wald strawanzte ein Mensch werden konnte, der wegen einem einfachen Mobiltelefon schwere Verletzungen bei einer anderen Person bewusst in Kauf nahm und ihn krankenhausreif prügelte.

Ein Zeichen der Hoffnung. (Foto: Wikimedia/Ji-Elle)

Ein Zeichen der Hoffnung. (Foto: Wikimedia/Ji-Elle)

Und wer weiß schon, wozu wir alles in der Lage sind? Wenn der Stress Überhand nimmt und ich mich hinten und vorne nicht zurechtfinde. Wenn dann jeder Telefonanruf zur Belastungsprobe wird, unbeantwortete Mails das Gewissen erschweren und immer länger werdende ToDo-Listen Anfälle von Panik verursachen. Da müssen dann schnell mal andere Menschen – unbeteiligte Arbeitskollegen, Freunde und Familienmitglieder – ausbaden, was ich mir eingebrockt habe. Schnell fallen dann Worte, die nur langsam in Vergessenheit geraten. Da wird ungeahnte Aggression bemerkbar, spürbar für mich und andere. Da erschrecke ich über das, was in mir auch steckt, über die eigenen Abgründe und Schatten. Über die „dunklen Möglichkeiten“ in mir, die in jedem von uns stecken. Ich will aber darüber hinwegsehen, darüber hinwegsehen zum Kreuz, dem Zeichen der Hoffnung für alle Menschen – für Sie und für mich! Amen.